Sachbuch

Ein wunderbarer Bildband über Leuchttürme

Ingrid Mylo

Von Ingrid Mylo

Mi, 29. August 2018 um 11:16 Uhr

Literatur & Vorträge

Sie sind veraltete Lebensretter: Der britische Historiker R. G. Grant hat einen wunderbaren Bildband über Leuchttürme veröffentlicht. Er befürchtet, sie könnten bald als "romantische Ruinen" enden.

Schwere See, sagen die Leute, wenn man sie fragt, was ihnen zu "Leuchtturm" einfällt. Gefahr, sagen sie, Nacht, Ferne, Signal, Brandung, Wegweiser, Felsen, Insel. Oder Ende der Welt, Schutz, Schiffbruch. Veraltete Technik, sagt einer, Dinosaurier. Ja, auch die: ausgestorben. Bis auf den einen, der in einer Erzählung von Ray Bradbury von dem klagenden Schrei des Nebelhorns auf einem Leuchtturm aus seiner Millionen Jahre alten Einsamkeit vom tiefsten Grund des Meeres aufgeschreckt wird, angezogen von den wehen Tönen, die er mit eigenen sehnsuchtsvollen Rufen beantwortet. Die urtümliche Kreatur glaubt, endlich auf ein anderes Wesen ihrer Art gestoßen zu sein. Doch der Leuchtturm ist nicht der erhoffte Begleiter. In seiner Enttäuschung zerstört ihn das Ungeheuer. "Im nächsten Jahr bauten sie einen neuen Leuchtturm..."

Heute bauen sie keine mehr: Der Leuchtturm ist ein Ding der Vergangenheit. Einst hat er die Schiffe heimgeholt in den sicheren Hafen, an Sandbänken vorbei, durch Stürme und Meerengen und finsterste Nächte, Bergung verheißend, lebensrettend. Immer noch gilt er vielen als Inbegriff der Orientierung und Sicherheit; ein Schifffahrtszeichen, das der "Positionsbestimmung, der Warnung vor Untiefen oder der Fahrwassermarkierung" dient, lautet eine Definition ganz prosaisch, während die australische Autorin Margot L. Stedman in ihrem Roman "Das Licht zwischen den Meeren" Leuchttürme lieber poetisch als auf die Erde gefallene "Splitter eines Sterns" bezeichnet.

Verschwunden sind die Leuchttürme noch nicht ganz, doch die mittlerweile sonar- und satellitengestützte Navigation hat sie ihrer Bedeutung beraubt. Sie sind überflüssig, Relikte, vom Untergang bedroht. Und doch – oder vielleicht gerade deshalb – gibt es jetzt diesen prachtvollen Bildband des Historikers R. G. Grant, der sich der Leuchttürme annimmt: "Wächter der See".

Der deutsche Untertitel "Die Geschichte der Leuchttürme" weist allerdings in die falsche Richtung, er gibt eine Gründlichkeit und Ausführlichkeit vor, die nicht eingelöst wird: Dafür ist das eine Kapitel (von sechs), das davon handelt, viel zu kurz. Mehr als ein stichwortartiger Abriss, eher Auflistung als Ausarbeitung, ist schon durch die schiere Menge der erwähnten Leuchttürme kaum möglich.

Ein Inbegriff der Orientierung

Es sind aber einige Fakten, die man erfährt. Dass eines der sieben Weltwunder der Antike, der rund 140 Meter hohe Pharos von Alexandria (280 v. Chr.), als erster Leuchtturm galt. Dass 1759 mit dem Eddystone Lighthouse im Südwesten Englands das Goldene Zeitalter des Leuchtturmbaus begann. Dass aber viele ärmere Küstenorte gar keine Leuchttürme wollten, weil ihnen die Wracks lieber waren, deren Plünderungen ihr Überleben sicherten. Dass Robert Louis Stevenson, Autor der "Schatzinsel", einer Dynastie von Leuchtturmbauern entstammt. Dass in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die weltweite Ausbreitung der Leuchttürme mit der "Expansion des europäischen Imperialismus" einherging.

Anschaulicher als der geschichtliche Überblick ist das Kapitel, das sich mit den Schwierigkeiten des Leuchtturmbaus befasst. Die kenntnis- und detailreichen Schilderungen rufen Schrecken und Ehrfurcht hervor und machen die den Elementen ausgesetzte lebensgefährliche Arbeit nahezu körperlich erfahrbar. Auch das, was Grant über die Entwicklung des Leuchtfeuers schreibt, von simplen Talgkerzen über katoptrische Lichtsysteme bis zur Fresnel-Linse, die in den 1820er Jahren die Leuchtturmtechnik revolutionierte, oder über den mühseligen Alltag der Leuchtturmwärter, setzt die Vorstellungskraft des Lesers in Gang.

Dabei ist der Text gar nicht das Wichtigste in diesem Buch, sondern die mehr als 300 Abbildungen sind es. Vor allem die ganzseitigen Zeichnungen auf dem grau, schwarz oder rötlich grundierten Papier entfalten einen Zauber, der einen melancholisch stimmt angesichts dessen, was einmal Fortschritt war und dann vom Fortschritt ins Abseits gestellt wurde. Sie stammen, chronologisch geordnet, aus der Zeit, in der der Bau oder Umbau des jeweiligen Leuchtturms stattfand, und vermitteln, wie sich die Ideen von Standfestigkeit und Funktionsweise im Laufe der Jahre änderten.

Viele Zeichnungen wirken erstaunlich insektenhaft fragil und sind von einer Anmut und Eleganz, die möglicherweise auch damit zu tun haben, dass diese Baupläne, Detailansichten, Grundrisse und Skizzen keinen verwertbaren Sinn mehr haben: Sie sind zu nichts mehr gut, außer betrachtet zu werden.

"Leuchtturm", das klingt in unserer Zeit nach: Es war einmal. Als "romantische Ruinen", befürchtet R. G. Grant in seinen Schlussbetrachtungen, werden diese Bauwerke in naher Zukunft enden. Heute bedienen sich alle möglichen Institutionen und Gruppierungen des Namens, um von seinem Mythos zu profitieren: Apotheken heißen so, Galerien, Kneipen, Palliativteams, Kindergärten, Optiker, ein Fachgeschäft für Spirituosen, sogar der Preis eines Journalistennetzwerks.

Der Leuchtturm ist nicht mehr das, was er war, aber eines wird er hoffentlich bleiben: ein Mahnmal dessen, was man verlieren kann.

R. G. Grant: Wächter der See. Die Geschichte der Leuchttürme. Aus dem Englischen von Heinrich Degen. Dumont Verlag, Köln 2018. 160 Seiten, 250 farbige und 100 schwarzweiße Abbildungen, 28 Euro.