Eine seltene Nähe

Bettina Schulte

Von Bettina Schulte

Mi, 06. Dezember 2017

Literatur & Vorträge

SACHBUCH: Norbert Bichers Textsammlung setzt der Freundschaft zwischen Willy Brandt und Heinrich Böll ein Denkmal.

Das Titelbild ist vielsagend. Es zeigt den damaligen Bundeskanzler Willy Brandt mit staatsmännischer, aber zugleich nachdenklicher Miene – und neben ihm den Schriftsteller Heinrich Böll, er hält die Arme verschränkt, der Blick ist nach unten gerichtet, ein leises Lächeln spielt um die Lippen. Sein Kollege Günter Grass hätte sich ohne Zweifel ganz anders inszeniert. Heinrich Böll liebte den großen Auftritt nicht, er stand nicht gern im Rampenlicht der Öffentlichkeit. Hineingezerrt wurde er von konservativen Medien, nachdem am 10. Januar 1972 im Spiegel ein von ihm verfasster Artikel mit der nicht von ihm stammenden Überschrift "Will Ulrike Gnade oder freies Geleit?" erschienen war. Sein eigener Titelvorschlag lautete "Soviel Liebe auf einmal" – das ironische Zitat einer Bild-Kolumne zur Weihnachtszeit.

Dieser Artikel veränderte Heinrich Bölls Leben. Der Schriftsteller setzte sich darin polemisch mit einem Bericht der Bild-Zeitung auseinander, die nach bis dato nur mutmaßlichen – später bewahrheiteten – Erkenntnissen über einen Bankraub in Kaiserslautern getitelt hatte: "Baader-Meinhof-Bande mordet weiter."

Der Text, in dem sich Böll in seiner zornigen Anklage gegen die Medien und den Rechtsstaat zweifellos vergaloppiert hat, setzt den Umgang der Öffentlichkeit mit der RAF in Zusammenhang mit der milden Behandlung von NS-Verbrechern wie Baldur von Schirach. Seine Energie speist sich aus der bitteren Erfahrung Bölls, dass die Adenauerzeit keineswegs mit der sogenannten Stunde Null begann – und der Schriftsteller warnt davor, den Rechtsstaat sozusagen wieder zu missbrauchen, indem er sich nicht an die selbstdefinierten Regeln hält.

Wenn Heinrich Böll geahnt hätte, welche Hetzkampagne gegen ihn er damit lostrat, er hätte diesen Text wohl nicht – oder nicht so – geschrieben. Die Flut an beleidigenden Kommentaren muss beispiellos gewesen sein, und sie riss bis Ende der 1970er Jahre nicht mehr ab. Auf dem Höhepunkt der Diffamierungen, die in eine allgemeine Intellektuellen-Hatz mündeten, wurde Bölls Haus in Langenbroich von einem Polizeikommando umstellt. Die spätere Erklärung des damaligen Innenministers Hans-Dietrich Genscher: Die beiden Besucher des Ehepaars Böll, der Philosoph Robert Spaemann und seine Frau, seien wegen einer RAF-Fahndung auf den Radarschirm der Polizei geraten.

Auf der politischen Ebene zeigte sich einzig Bundeskanzler Willy Brandt solidarisch mit Heinrich Böll. Es war die Zerreißprobe einer zumindest in Deutschland seltenen Freundschaft: zwischen einem Politiker und einem Schriftsteller in einer Zeit, als das Wort der Intellektuellen noch Gewicht hatte: in der Bonner Republik. Der Journalist Norbert Bichler, ehemaliger Pressesprecher der SPD-Bundestagsfraktion, setzt dieser Freundschaft mit seinem Buch "Mut und Melancholie. Heinrich Böll, Willy Brandt und die SPD" ein eindrucksvolles Denkmal. Es versammelt Briefe, gegenseitige Würdigungen und Dokumente – wie Bölls Spiegel-Text –, die Aufschluss geben nicht nur über die geistige, sondern auch emotionale Nähe dieser großen Persönlichkeiten.

Obwohl Brandt mit Bölls, ihn selbst zutiefst prägenden rheinischem Katholizismus kaum etwas anfangen konnte: Die geistige und moralische Haltung beider ist mit dem Begriffspaar "Mut und Melancholie" treffend eingefangen. Mut brauchte es, um im konservativen Nachkriegsdeutschland den politischen Aufbruch zu wagen – und Brandt wurde von der CDU/CSU dafür böse verleumdet. In einer Würdigung Brandts schreibt Böll, Willy Brandt sei der "erste Kanzler, der aus der Herrenvolktradition herausführt" – und seine Wahl "ein Wunder".

Dass sich dieses Wunder 1972 mit dem höchsten Wahlsieg der Sozialdemokraten in ihrer Geschichte wiederholte: Daran hatte auch Böll einen gehörigen Anteil. Obwohl er sich nach den Angriffen auf seine Person – noch 1978 durfte der Journalist Matthias Walden rechtens behaupten, Böll sei geistiger Anstifter der RAF-Morde gewesen – aus der Öffentlichkeit zurückziehen wollte, ließ er sich angesichts der Geschütze, die Brandts Gegner auffuhren, doch noch umstimmen. Mag sein, dass ihn dabei auch die Zuerkennung des Literaturnobelpreises 1972 beflügelte – man darf wohl sagen, dass die weltweite Anerkennung des Schriftstellers Heinrich Böll genau zur rechten Zeit kam – wie im Jahr davor die Verleihung des Friedensnobelpreises an Willy Brandt.

Mut hatte auch Heinrich Böll, der sich – wie man hier nicht ohne Betroffenheit nachlesen kann – mit zunehmender Verzweiflung zur Wehr setzte gegen die diffamierenden Unterstellungen, er habe ein ungeklärtes Verhältnis zur terroristischen Gewalt: Ausgerechnet er, der sechs Jahre in einen ihm zutiefst verhassten Krieg ziehen musste – eine ihn für immer traumatisierende Erfahrung. Und Melancholie? Man sieht sie ihm an, dem Mann mit dem – so Brandt zu Bölls 65. Geburtstag – "empfindsamen Gesicht", das "jeden Empfindsamen erkennen (lässt), wie viel Leid und Mitleid er durchlebt hat". Man darf davon ausgehen, dass Brandt sich selbst auch zu den Empfindsamen (und damit Melancholischen) zählte: ein ungewöhnliches Attribut für einen Politiker. Aber nur ein Empfindsamer war wohl zu einem derart bewegenden Zeichen der Versöhnung wie dem "Kniefall" in Warschau fähig.

Beide, Brandt wie Böll, waren Männer des leisen, des nachdenklichen Wortes. Bei Böll kam, das hat Brandt gut erkannt, oft genug die ironische Brechung des Gedachten oder Gesagten hinzu. Böll war eben genau das nicht: ein Praeceptor Germaniae, ein moralischer Lehrmeister der Nation. Da gab es andere. Auch dieses Missverständnis räumt dieses mit einem sehr informativen Vorwort versehene Buch nachhaltig aus.

Norbert Bicher: Mut und Melancholie. Heinrich Böll, Willy Brandt und die SPD. Eine Beziehung in Briefen, Texten, Dokumenten. Dietz Verlag, Bonn 2017. 247 Seiten, 22 Euro.
Die Katholische Akademie Freiburg widmet Böll vom 8. bis 10. Dezember eine Tagung. Der Historiker und Publizist Hannes Heer spricht am Samstag, 9. Dezember, um 17.15 Uhr über Böll als "öffentlichen Intellektuellen". Infos unter mehr.bz/boell