Zum 100. Geburtstag

Eugen Biser – ein charismatischer Grenzgänger

Gerhard Kiefer

Von Gerhard Kiefer

Do, 04. Januar 2018 um 22:00 Uhr

Literatur & Vorträge

Eugen Biser, der vom Kaiserstuhl stammende Religionsphilosoph, wurde vor 100 Jahren geboren. Würdigung eines carismatischen Grenzgängers.

Martin Schongauers imposantes Triptychon des "Jüngsten Gerichts" im Stephansmünster zu Breisach hat Eugen Biser schon als Schüler beeindruckt. Allerdings weniger der Einzug der Seligen ins Paradies an der Südwand als vielmehr der "Höllensturz der Verdammten" gegenüber. Die furchterregenden Fratzen der Folterfiguren ebenso wie die Teufel, die lustvoll die Sünder quälen, und die Nackten, die von strafender Pein verzerrt ins Feuer des Verderbens stürzen – für immer. So kündigen das Alte wie das Neue Testament das "Jüngste Gericht" an. Eugen Biser glaubte und lehrte das explizit nicht. Seine "Neue Theologie", wie er sein Denken ambitioniert nennt, braucht keinen Gott, der den Menschen zwar liebt, ihm aber auch ständig droht und ihn straft, ja sich finster rächt und Sünder unerlöst auf ewig verflucht.

Bisers Bedeutung als priesterlicher Prediger und profunder Professor resultiert aus seiner Überzeugung, das Christentum dürfe nicht fortsetzen, was es seit Jahrhunderten tue: die Frohbotschaft des Evangeliums missverstehen und, so das Gottesbild verdunkelnd, sie den Menschen als Drohbotschaft verkünden. Fege- und Höllenfeuer, wie sie auch Schongauers Nordwand in Breisach auflodern lässt, existieren für ihn nicht. Wer sie den Menschen dennoch als real schildert, trage dazu bei, dass der Mensch sein Leben als Existenz in Angst empfinde. Jesus ist für ihn aber gerade deshalb der "größte Revolutionär der Weltgeschichte", weil er Gott als liebenden Vater, aber nie als rächenden Richter gezeichnet habe.

Nach einer abschätzigen Bemerkung über Hitler fand sich Eugen Biser 1942 in der Schlacht von Stalingrad wieder; er überlebte die mörderische Front, kehrte aber schwer verletzt heim. Er konnte sein 1938 begonnenes Theologiestudium fortsetzen und wurde schon 1946 zum Priester geweiht. 20 Jahre lang blieb er dann, von den Freiburger Erzbischöfen gleichermaßen unterschätzt wie unterfordert, Religionslehrer in Heidelberg. Trotz vollem Deputat und seinem Engagement als Seelsorger promovierte Biser in Theologie wie in Philosophie. Seine Heidelberger Habilitation 1965 legte den Grundstein seiner akademischen Karriere. Er lehrte in Passau und in Würzburg, dann vertraute ihm die Ludwig-Maximilian-Universität München für zwölf Jahre ihren renommierten Guardini-Lehrstuhl an – als Nachfolger des Freiburgers Karl Rahner und als Vorgänger des Freiburgers Hans Maier.

Fast 150 Bücher (mindestens zwei weitere hatte er noch konzipiert) und an die 1000 Aufsätze entstammen Bisers theologischem Denken. Es macht Mut, sie zu lesen: "Die Überwindung der Lebensangst" etwa oder "Jesus. Sein Lebensweg in neuem Licht". Die Schaffenskraft ist dem drahtigen, hellwachen, aber immer ganz unprätentiösen kleinen Mann bis ins hohe Alter erhalten geblieben.
Den Menschen zugewandt

Fast zwei Jahrzehnte leitete er nach seiner Emeritierung in München das Seniorenstudium, das er initiiert hatte. Wer ihn noch um seinen 90. Geburtstag auf Bayern alpha im Dialog mit Richard Heinzmann seine "Theologie der Zukunft" entwerfen sah, erkannte unschwer, dass dieser Senior nicht "leergepredigt" war, sondern für "seinen" Jesus und seine daraus folgende Theologie unverändert brannte. Biser war katholisch, aber alles dogmatisch Enge oder konfessionell Rechthaberische blieb ihm – von vatikanischen Glaubenswächtern offenbar unbehelligt – fremd. Die nach ihm benannte Münchner Stiftung bewahrt mit Veranstaltungen und Publikationen seit 15 Jahren sein Werk.

Als eine "Festschrift" für einen, der schon gegangen ist, mag man das Herder-Buch nicht bezeichnen, das zum 100. Geburtstag Bisers erschienen ist. Aber es ist schon deshalb eine eindrucksvolle Hommage, weil sein Herausgeber Georg Sans, Jesuit und Inhaber des Eugen-Biser-Stiftungslehrstuhls für Religions- und Subjektphilosophie an der Hochschule für Philosophie in München, es thematisch breit konzipiert hat. Elf Autorinnen und Autoren belegen so die Einordnung Bisers als nicht nur theologischen Denker – und weshalb er bis heute und wohl noch lange nicht vergessen sein wird.

Kritik wird dennoch nicht ausgeblendet: Walter Homolka wirft, obschon Mitglied des Stiftungsrates der Eugen-Biser-Stiftung, dem verstorbenen Professorenkollegen vor, "die Erkenntnisse der jüdischen Leben-Jesu-Forschung nicht rezipiert ... und die Bedeutung der Einsicht, dass Jesus Jude war, nicht grundlegend in sein theologisches Denken integriert" zu haben. Biser sei, behauptet der Potsdamer Rabbiner, "der traditionellen Vorstellung verhaftet geblieben, die das Judentum zu einer Vorform des Christentums degradiert". Der Jude Homolka diagnostiziert überdies "eine zunehmende Irrelevanz des Christentums".

Wer von Friedrich Nietzsche weiß, er habe Gott für tot erklärt, aber nicht, wie stark sich Eugen Biser mit dem Philosophen auseinandergesetzt hat, den erstaunt der Beitrag des Münchner Theologen Martin Thurner: Biser interpretiere Nietzsche nämlich nur als Kritiker tradierter theoretischer Gottesvorstellungen und, wie Immanuel Kant, vor allem der sogenannten Gottesbeweise. Aber Biser habe, so Thurner, "geradezu den Eindruck gewonnen, dass Nietzsche mit seiner Aggression das Christentum auf die Form zurückzwingen möchte, die sein Überleben unter den Bedingungen der Gegenwart ermöglicht".

Am 25. März 2014 ist Biser im 97. Lebensjahr in München gestorben. Zur Welt gekommen war er am Dreikönigstag 1918 in Oberbergen im Kaiserstuhl – morgen würde dieser große, stets den Menschen zugewandte charismatische Theologe und Grenzgänger als Religionsphilosoph 100 Jahre alt.

Georg Sans (Hg.): Gottes-Bilder – Eugen Biser als theologischer Grenzgänger. Verlag Herder und Eugen-Biser-Stiftung, Freiburg 2017. 240 Seiten, 25 Euro.