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11. März 2017

"Extrem detailliert und reflektiert"

BZ-INTERVIEW mit dem Samuel-Beckett-Forscher Mark Nixon über die "German Diaries", die er im Freiburger E-Werk vorstellte.

  1. - Foto: Sinan  Hancili

  2. - Foto: Joe Killi

Die Insider wissen es schon länger. Nun rückt der Tag näher, an dem es auch die Öffentlichkeit zur Kenntnis nehmen kann. Es gibt noch ein unveröffentlichtes Werk von Samuel Beckett – seine "German Diaries". Der englische Beckett-Forscher Mark Nixon ist der Herausgeber von Becketts "Deutsche Tagebüchern", die 2018 im Berliner Suhrkamp Verlag erscheinen sollen. Anlässlich seines Vortrags beim Freiburger Beckett-Festival hat Bettina Schulte mit ihm gesprochen.

BZ: Becketts Notizen beziehen sich auf seine Reise nach Deutschland 1936/37. Was war der Grund dieser Reise?
Nixon: Der Grund ist ungewiss. Ich habe das Gefühl, dass Beckett, damals 30, sich nicht sicher war, wie seine schriftstellerische Karriere weitergehen sollte und dachte, dass er in der Zwischenzeit seine Deutschkenntnisse verbessern könnte. Zugleich wollte er unbedingt die großen Gemäldesammlungen besuchen.

BZ: Warum interessierte sich der Schriftsteller Beckett so stark für die bildende Kunst?
Nixon: Schon als junger Mann besuchte er Museen, wo immer er war. Die Reise nach Deutschland war eine Kunstreise.

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BZ: Konnte er denn in Deutschland sehen, was er sehen wollte? Die Nationalsozialisten hatten die "entartete Kunst" aus den Museen entfernt.
Nixon: Ja, das war schwierig. In Hamburg gelang es Beckett noch, die expressionistische Gegenwartskunst anzusehen, die schon in den Keller verbannt war. Doch in Dresden und Berlin hatte er keinen Zugang mehr.

BZ: Beckett hat seine Reiseeindrücke in den so genannten "German Diaries" festgehalten. Was kann man darin lesen?
Nixon: Alles. Beckett hat extrem detailliert aufgeschrieben, was ihm begegnete. Alltagssituationen finden sich ebenso wie Reflexionen über das, was er tagsüber gesehen hat. Er schreibt auf, wie er sich fühlt, was er liest, was er unternimmt. Es ist ein ungewöhnliches Tagebuch, weil es von Anfang bis Ende so detailliert und reflektiert ist.

BZ: Seit wann weiß man von der Existenz dieser Tagebücher?
Nixon: Die sechs Notizhefte wurden nach Becketts Tod im Keller seiner Pariser Wohnung gefunden. Beckett hatte sie wahrscheinlich völlig vergessen.
BZ: Gibt es weitere Tagebücher?
Nixon: Soweit wir wissen, ist es das einzige Tagebuch, das Beckett verfasst hat. Und es ist keineswegs nur für die Gemeinde von Interesse, sondern ein kulturgeschichtliches Dokument ersten Ranges.

BZ: Finden sich auch Anhaltspunkte für sein literarisches Schaffen?
Nixon: Beckett ist sich sicher, dass er seine Schreibweise ändern will. Vorher war er von Joyce beeinflusst. Er hat ihn sogar zu einem gewissen Grad imitiert. Nach der Reise hat Beckett reduziert geschrieben. Während Joyce immer mehr schrieb, hat Beckett immer weniger geschrieben. Sein Minimalismus stammt aus dieser Zeit.

BZ: Wie gerieten Sie an die "Diaries"?
Nixon: Ich war auf der Suche nach einem Promotionsthema. Da Reading das weltweit größte Beckett-Archiv besitzt, machte man mir den Vorschlag, die "Diaries" zu untersuchen. Sie mussten zunächst transkribiert werden. Dafür brauchte ich ein ganzes Jahr. Becketts Schrift ist hier nicht sehr leserlich. Er schrieb grundsätzlich abends bei einer Flasche Wein. Er gab sich keine Mühe, entzifferbar zu sein: Es sollte ja niemand außer ihm diese Notizen lesen können.

BZ: Spielt die politische Situation in Deutschland eine Rolle in Becketts Aufzeichnungen?
Nixon: Beckett wusste genau, wie gefährlich die Nationalsozialisten waren. Sein Onkel William Sinclair in Kassel war jüdisch. Er wanderte schon Anfang der 1930er-Jahre aus.

BZ: Samuel Beckett verbindet viel mit Deutschland, obwohl er Französisch und Italienisch studiert hatte. Wie erklären Sie sich das?
Nixon: In den dreißiger Jahren war es vor allem die deutsche Kultur, die Beckett anzog, er war fasziniert davon. Er las Hölderlin, er las Goethe, er liebte Schopenhauer und Schubert. Nach dem Krieg kam die erste Einladung, seine Stücke selbst aufzuführen, aus Deutschland: Am Berliner Schillertheater inszenierte er mehrmals. Das kulminierte 1975 in "Warten auf Godot". Er schätzte die Atmosphäre dort sehr.

BZ: Dazu passt in gewisser Weise, dass auch die "German Diaries" zuerst in einem deutschen Verlag erscheinen.
Nixon: 2004 gab es erste Gespräch mit dem Nachlassverwalter Edward Beckett, seinem Neffen, über die Herausgabe der Tagebücher. Edward sagte, es sei noch zu früh. Aber wenn er einer Veröffentlichung zustimme, dann nur bei Suhrkamp. Es ist schon spannend, dass die erste Ausgabe in Deutschland erscheint. Danach wird es Ausgaben in England und den USA geben.

BZ: Beckett wird in den letzten Jahren wieder verstärkt aufgeführt. Sein Werk scheint nicht zu veralten.
Nixon: Es ist faszinierend für mich zu erleben, wie stark Beckett immer noch zu vielen Menschen spricht. In politisch schwierigen Zeiten wie diesen ist sein Werk von größter Wichtigkeit. Es gibt keine Antworten auf schwierige Fragen.

BZ: Seine Stücke gelten als düster und hoffnungslos. Wie ist Ihr Beckett-Bild?
Nixon: Beckett hat auch komische, schwarzhumorige Seiten. Was ich am meisten an ihm schätze, ist sein Skeptizismus. Er wusste, dass keine Weltanschauung den Menschen erlösen kann.

Mark Nixon, 43, wuchs in Basel als Sohn englischer Eltern auf. Er studierte in England und ist zur Zeit Associate Professor an der Universität Reading. Seit 15 Jahren vereint er Becketts Manuskripte auf der Online-Plattform http://www.beckettarchive.org
Das Beckett-Festival geht am heutigen Samstag um 20 Uhr im E-Werk mit einer weiteren Performance zu Ende.

Autor: bs