Go East

Thomas Schaefer

Von Thomas Schaefer

Sa, 28. Mai 2016

Literatur & Vorträge

"Paradise Ost": Jo McMillans ungewöhnliche Ost-West-Geschichte über eine britische Kommunistin, die in die DDR auswanderte.

Extrem und auf geradezu makabre Weise pointiert ist die Geschichte des Schriftstellers Ronald M. Schernikau (1960-1991), der von West-Berlin in die DDR zog und dort 1989 die Staatsbürgerschaft beantragte – kurz danach fiel die Mauer und Schernikau sah sich wieder als Westbürger. Zu einem derart späten Zeitpunkt gegen den Mehrheitsstrom von West nach Ost zu migrieren wie der von seinem Biografen Matthias Frings als "Der letzte Kommunist" titulierte Schernikau, war ähnlich außergewöhnlich und ist ähnlich wenig bekannt wie der Umstand, dass auch aus anderen kapitalistischen Ländern Menschen in die DDR übersiedelten. So der US-amerikanische Sänger und Schauspieler Dean Reed, der 1972 in die DDR ging und dort als "roter Elvis" Karriere machte.

Es sind nur selten erzählte Geschichten wie die der hierzulande bislang unbekannten Engländerin Jo McMillan, die auf der Basis ihrer Kindheits- und Jugenderlebnisse ihren ersten Roman geschrieben hat, dem der deutsche Verlag mit dem politisch anspielungsreichen Titel "Paradise Ost" einen anderen Schwerpunkt gegeben hat, als das Original "Motherland" es tut. Ein Staat paradiesischer Verheißungen war die DDR wie für Reed oder Schernikau auch für McMillans Mutter, die im England der 1970er Jahre als alleinerziehende Lehrerin, vor allem aber glühende Kommunistin das Dasein einer exotischen Außenseiterin führte, an dem die Tochter – im Roman eine anfangs 13-Jährige namens Jess – notgedrungen in symbiotischer Solidarität Anteil hatte.

Was das bedeutet haben mag, deutet die heute in Berlin lebende McMillan in einer eindringlichen Ouvertüre an, in der Mutter und Tochter im Einkaufszentrum der Kleinstadt Tamworth die linke Zeitung Morning Star unter das Volk zu bringen versuchen, mit mäßigem Erfolg. Es sind Passagen, die in ihrer tragikomischen Bizarrerie von feinstem englischen Humor geprägt sind. Zu diesem gehören zahlreiche prägnante Details, etwa dass im heimischen Wohnzimmer drei Uhren hängen, "die auf die Zeiten von Havanna, Moskau und Hanoi gestellt waren". Dass es aber alles andere als heiter, sondern vielmehr furchtbar anstrengend gewesen sein muss, als Pubertierende mit einer in ihrem Idealismus verkrampften Mutter – "ein Soldat, der nie außer Dienst war" – gegen den Hohn und Spott der nicht kommunistisch eingestellten Mehrheitsgesellschaft für eine gerechtere Welt zu kämpfen, belegt allein der Umstand, dass McMillan in Interviews erklärt hat, erst jetzt, Jahrzehnte nach den sich zwischen 1978 und 1984 abspielenden Ereignissen, über die Mutter-Tochter-Beziehung schreiben zu können.

Sprachkurse für

DDR-Englischlehrer

Deren Entwicklung steht im Mittelpunkt des zusehends ernster und trauriger werdenden Buches. Als beste Freundin und Kampfgenossin begleitet Jess die Mutter nach Ost-Berlin, wo diese über mehrere Sommer Sprachkurse für angehende DDR-Englischlehrer gibt. Die Einladungen verdankt sie ihren Kontakten zu englischen Kommunisten sowie Mitarbeitern der Londoner DDR-Botschaft. Die erste Begegnung der beiden Engländerinnen mit dem Land ihrer Träume inszeniert McMillan im Stil klassischer Reiseberichte aus fernen Ländern. Alles ist fremd: von Kleinigkeiten wie der Kleidung der Menschen bis zu Spektakulärem wie der ersten Konfrontation mit der Mauer. Bilder, die man sich gemacht hat, kollidieren mit der Wirklichkeit, die auf Jess zunehmend befremdend wirkt. Während die Mutter in ihrer politischen Haltung niemals wankt und sich schließlich endgültig in der DDR ansiedelt, geht die Tochter auf Distanz.

"Paradise Ost" verknüpft auf geschickte Weise einen Adoleszenz- und Zeitgeschichtsroman mit dem Kammerspiel einer Mutter-Tochter-Beziehung und dem zu Herzen gehenden Porträt einer in ihrem guten Willen völlig überforderten Frau. Es spricht für Jo McMillans Souveränität, dass sie den Prozess der Desillusionierung und Abnabelung ihrer Heldin – und das heißt auch Unfreiheiten, Tristesse und die oft aus hehrsten Motiven resultierenden Zwanghaftigkeiten des DDR-Alltags – schildert, ohne ihre Mutter und deren Ideale zu diskreditieren.

Jo McMillan: Paradise Ost. Roman. Aus dem Englischen von Susanne Höbel. Ullstein Verlag, Berlin 2016. 350 Seiten, 20 Euro.