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01. April 2017

Porträt

Herzschilde und Traumwappen: Peter-Huchel-Preis für Orsolya Kalász

Ein Porträt der Lyrikerin Orsolya Kalász, die in Staufen den Peter-Huchel-Preis entgegennimmt.

  1. Gewappnet gegen den Wankelmut der Liebe: Orsolya Kalász Foto: obs/SWR/Gerald Zoerner

Die Liebe führt nur selten in das Paradies der Glückseligkeit, wie es noch die romantische Dichtung ausmalte, sondern erweist sich viel häufiger als ein aussichtsloses Unternehmen. Moderne Liebeslieder lösen den romantischen Traum auf und handeln von Verletzungen. "Ich weiß keine gute Antwort auf die Frage", heißt es in einem Gedicht der ungarischen Dichterin Orsolya Kalász, "warum man unerwidert lieben muss". Für das Drama der unerfüllten Liebe hat die Autorin eine so subtile wie eigensinnige Form der Liebesdichtung gefunden. Dafür wird Kalász als erste internationale Autorin am Montag in Staufen mit dem Peter-Huchel-Preis ausgezeichnet. Ihr preisgekröntes Gedichtbuch "Das Eine", in asketischer Ausstattung in der Brueterich Press von Ulf Stolterfoht erschienen, ist der Tradition der Heraldik verpflichtet: der Wappenkunde und ihrer Symbolik von Schutz, Schild und Autorität.

In der deutschen Dichtung des 20. Jahrhunderts hat vor allem die von Kalász verehrte jüdische Dichterin Gertrud Kolmar großartige Wappengedichte geschrieben. Aus den Emblemen preußischer Wappen entwickelte sie fabelhafte Gedichte über unser Werden und Vergehen, große Allegorien unserer gefährdeten Existenz. Das Wappentier von Orsolya Kalász ist ein verletzter Vogel, ein mythologisches Luftgeschöpf, dem Schnabel und Füße fehlen. Es ist die "mutila merula", die von der historischen Heraldik als "gestümmelte Amsel" bezeichnet wird. Diese gestümmelte Amsel, "Merlette" gerufen, hat Kalász zum "Sinnbild der Liebe" erhoben. "Merlette" soll als "der beste Schildhalter aller Zeiten" fungieren, als ein Mittel der "Bewehrung" gegen die Heimtücke egoistischer Liebhaber. Wie Kolmar ist Kalász eine Dichterin der "Tierträume", die Fabeltiere und reale Tiere als poetische Verbündete mobilisiert. So im Gedicht "Traumwappen", das am Ende die Selbstbehauptung eines weiblichen Kollektivsubjekts aufruft: "Über unsere betäubten Gestalten/ beugen sich Fabeltiere, besorgt/ um ihre Hufe und Hörner./ Die Vorstellung, dass all das/ in einem Zelt mit Webstühlen/ und halbfertigen Wandteppichen,/ stattfindet, überrascht uns dennoch. // Aus Träumen dieser Art / erwacht man durstig und hungrig. / Wir liegen regungslos da,/ die Fabeltiere beraten sich die ganze Nacht./ Wir können hören, was sie sagen,/ und bedauern alles./ Dann wird es Tag./ Dann werden wir die Frauen sein,/ die ihre Arbeit zu Ende bringen."

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Zwischen den Sprachen

in einem fluiden Bereich

Orsolya Kalász, 1964 in Ungarn geboren, lebt seit vielen Jahren in Berlin und bewegt sich als Übersetzerin wie als Dichterin zwischen den Sprachen – in einem offenen, fluiden Bereich, in dem sich das Staunen über die Wörter und ihre Vielgestaltigkeit in eine fragende, den Klängen und Morphologien der Wörter nachtastende Poesie verwandelt. Sie schreibt Gedichte in deutscher und in ungarischer Sprache, auf einem bilingualen Weg, der neue Echo- und Hallräume erschließt. 1999 hat sie gemeinsam mit dem Lyriker Gerhard Falkner die Anthologie "Budapester Szenen" publiziert, die einen Einblick gab in den experimentellen Wagemut der jungen ungarischen Lyrik. In "Das Eine" finden sich ausschließlich Gedichte in deutscher Sprache, die manchmal wie kleine gelenkige Essays über "das Verstehen" oder über "dunkle Dinge" daherkommen, dann wieder in einer intensiven Musikalität über das Harte und das Flüssige der Sprache nachdenken: "Ich kann es, ich kann es wirklich!/ Alles, was du hart machst,/ lasse ich flüssig werden. / Du wirst sehen, / ich kann es, ich kann es wirklich."

Das Hartwerden der Sprache, ihre Erstarrung in der Stereotypie, ist der natürliche Feind der Poesie. Die Dichtung von Orsolya Kalász löst die Sprache aus ihren fixen Verankerungen und Bedeutungsgefängnissen. Manchmal scheint es, als komme die Suchbewegung der Gedichte fast prosaisch daher. Dann wieder nutzt Kalász das alte poetische Mittel der Anapher und Wiederholung, und es entsteht eine große Suggestivität durch Beschwörung und Anrufung: "Das was da ist, braucht man nicht zu fürchten,/ das, was in mir keine Pfoten hat,/ legt sich vor dir hin und kreuzt sie./ Jetzt vergnügen wir uns und / schweigen/ über die großen Taten./Das, was da ist..."

Orsolya Kalász hat moderne Zaubersprüche geschrieben, die manchmal großen Ernst ausstrahlen, dann wieder spielerisch an ihr Sprach-Werk gehen. Im Zweifel vertrauen sie nicht "auf die große Kunst der Deutlichkeit", wie es ein Gedichttitel ankündigt, sondern auf "die gute Fernwirkung". Poesie wird zum "kleinen Herzschild" – das wappnet gegen den Wankelmut der Liebe.

Orsolya Kalász: Das Eine. Gedichte.
Brueterich Press, Berlin 2016. 85 Seiten, 20 Euro. Am 3. April um 11 Uhr erhält die Autorin im Staufener Stubenhaus den Huchel-Preis
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Autor: Michael Braun