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12. August 2015 00:00 Uhr

Sachbuch

Historikerin beleuchtet Gewalt gegen Frauen nach dem Krieg

"Es gab Übergriffe in jedem Dorf": Miriam Gebhardt hat in "Als die Soldaten kamen" die Vergewaltigungen deutscher Frauen nach dem Krieg recherchiert. Heidi Ossenberg hat es gelesen.

  1. Nina Hoss spielt „Anonyma“, die Frau in Berlin, die eine Beziehung zu einem russischen Offizier eingeht, um den Vergewaltigungen zu entgehen. Foto: dpa

"Die Russen haben vergewaltigt, die Amerikaner haben Bonbons verschenkt, so lautet bis heute das Vorurteil", schreibt Miriam Gebhardt in ihrem Buch "Als die Soldaten kamen". Die Historikerin und Journalistin (Jahrgang 1962) ist angetreten, diesem Vorurteil Fakten entgegenzusetzen. Sie hat recherchiert, dass insgesamt mindestens 860 000 Frauen (und etliche Männer) zwischen 1945 und 1955 in Deutschland vergewaltigt wurden. Die Mehrzahl wurde Opfer von russischen Soldaten, doch tausenden Frauen wurde auch von amerikanischen, französischen, belgischen und britischen Soldaten sexuelle Gewalt angetan – bis heute, 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, ein Tabu.

Manchmal möchte man Gebhardts Buch gerne wieder aus der Hand legen, sind die Schilderungen der Opfer doch unfassbar traurig und ihr Bemühen um Empathie und Hilfe bei Familie und Behörden so selten von Erfolg gekrönt. Doch zwei Dinge sind es, die einen dann doch dazu bringen, weiterzulesen: der unaufgeregt-sachliche und sehr präzise Stil der Autorin – und der Gedanke daran, dass das Thema weiterhin aktuell ist. Manche Opfer leben noch, ihre Nachkommen leben noch – und sexuelle Gewalt erleiden auch heute Menschen, die aus Kriegsgebieten zu uns fliehen. Wir dürfen dem Thema nicht ausweichen.

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Gebhardts Großmutter erlebte das Kriegsende in Freiburg. Ihrer Enkelin schnitt die "ängstliche" Frau mit "Sexualphobie" immer wieder Zeitungsartikel über Vergewaltigungen und andere Gräueltaten aus – jedoch ohne mit ihren Angehörigen je über die Zeit oder das Erlebte zu reden. Das ist kein Einzelfall. Die Vergewaltigung löste Scham aus, Frauen wurde vorgeworfen, mit den Feinden zu fraternisieren. Auch die aus dem Krieg heimkehrenden Männer redeten nicht über das Erlebte, man musste halt nach vorne schauen, hatte während der Nazizeit vermittelt bekommen, dass Deutsche robust zu sein hatten und nicht weich. Laut Gebhardt kam vor allem im Fall von sexuellen Übergriffen im amerikanischen, französischen oder britischen Sektor hinzu, dass Loyalität gegenüber den Befreiern verlangt wurde.

Goebbels Propaganda hatte die Russen pauschal als "unmenschlich" hingestellt; wo die russischen Soldaten also hinkamen – etwa nach Berlin, wie es das Tagebuch und der Film "Anonyma" schildern – erwarteten die Frauen kaum eine andere Behandlung. Anders war die Erwartungshaltung jedoch bei den Westmächten. Hier hatte man sich wohl keine so großen Sorgen um brutale Soldaten gemacht. Miriam Gebhardt hat sogenannte Einmarschberichte von Pfarrern in Oberbayern gelesen. Darin stand, was in den letzten Kriegstagen und unmittelbar nach dem Einmarsch der "Befreier" passierte. Ihr Eindruck: "Es gab Übergriffe in jedem Dorf." Natürlich wehrten sich die Frauen nicht. Die Vergewaltiger kamen mit Waffen, und es waren oft viele.

Gebhardt schätzt, dass etwa fünf Prozent der vergewaltigten Frauen schwanger wurden. Auch ihnen wurde kaum Hilfe zuteil: Abtreibungen wurden von behördlicher und ärztlicher Seite oft abgelehnt mit dem Argument, es sei schließlich nicht bewiesen, dass die Frau vergewaltigt worden sei.

Miriam Gebhardt: Als die Soldaten kamen. Die Vergewaltigung deutscher Frauen am Ende des Zweiten Weltkriegs. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2015. 350 Seiten, 21,99 Euro.

Autor: Heidi Ossenberg