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13. September 2017

Iain Sinclairs Roman "Der Rand des Horizonts"

Iain Sinclair begibt sich in "Der Rand des Orizonts" auf eine historische Wanderung durch Essex.

  1. Vor 180 Jahren war der Dichter John Clare in einer solchen Gegend in Essex unterwegs. Foto: jon ingall

Es gibt sie, die großen Geher und Wanderer in der Literatur. Was Johann Gottfried Seume 1803 als "Spaziergang nach Syrakus" beschrieb, ist die Dokumentation eines fast 7000 Kilometer langen Fußmarsches; Fontanes zwischen 1862 und 1889 erschienene "Wanderungen durch die Mark Brandenburg" entwerfen eine großangelegte Geschichte der Mark und bilden die topographische Grundierung seines Romanwerks; Bruce Chatwins "Traumpfade", ein Essay über die Dialektik von Nomadentum und Sesshaftigkeit, sind vielleicht ein letzter grandioser Reflex auf die Tradition der "sentimental journey" – und noch Werner Herzogs in seiner Lakonie bestürzendes Protokoll eines Gewaltmarsches von München nach Paris ("Vom Gehen im Eis") zu der schwerkranken Filmkritikerin Lotte Eisner liest sich wie der Rechenschaftsbericht einer weltlichen Pilgerfahrt.

"Gehen ist eine Form des Erinnerns, Fahren löscht alles aus", "Gehen bekräftigt unsere Identität", "Im Gehen hat man mehr Zeit für Zweifel – und falsche Entscheidungen an Kreuzungen kommen einen teurer zu stehen", "Personalisierte Geographie. Ein Gang ist schwebende Autobiographie": Iain Sinclair, 1943 im walisischen Cardiff geboren, steht in der Tradition der empfindsamen (Fuß-)Reisenden, eher Pirschgänger als Flaneur, eher Fährten- und Spurensucher als Wandersmann. In zahlreichen Exkursionen hat Sinclair – Lyriker und Filmemacher, Romancier und Essayist – das Stadtuniversum von London erkundet, hat den Raum aus Kapitale und Umland, aus Zentrum und Peripherie literarisch vermessen.

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Ein Dokument derartiger "Psychogeographie" ist auch Sinclairs "Der Rand des Orizonts" betitelte biographisch-essayistische Prosa, die auf den Spuren des englischen Naturlyrikers John Clare (1793 – 1864) ein existentielles Drama rekonstruiert und, im Sinn einer angewandten "personalisierten Geographie", Clares zerklüftete Biographie radikal als Lebens-Wege begreift, indem sie diese Wege nachzeichnet, vergegenwärtigt und vor allem: ein zweites Mal abschreitet. Wanderungen durch Mittelengland – der Untertitel des Buches, "Auf den Spuren von John Clares Reise aus Essex", ist nicht wörtlich genug zu nehmen.

John Clare, in den frühen 1820er-Jahren als "Bauerndichter" zu Ruhm, Ansehen und Vermögen gekommen, wurde 1837 in eine Nervenheilanstalt in High Beach, Essex, eingewiesen. Grund seines Zusammenbruchs, so Sinclairs stringent entwickelte Argumentation, war der Tod seiner Geliebten Mary Joyce, "die einzige Konstante seiner geistigen Landschaft": "Mary war nicht mehr. Sein Wahnsinn lag in der Tatsache ihres Verlusts begründet, im Abhandenkommen dieses Teils von Clares Seele." Im Juli 1841 flieht Clare aus der Anstalt in sein Heimatdorf in Northamptonshire – diese Flucht, ein Gewaltmarsch zu Fuß, "eine Unternehmung, um ein Selbst wiederzufinden, für das er keine Verwendung mehr hatte", markiert das motivische Zentrum von Sinclairs Buch, sie ist der Unruheherd, der diese nervös vibrierende Prosa in Gang hält, sie bestimmt den Kurs dieser "John Clare-Gedächtnistour". 1842 wird Clare in das Allgemeine Irrenhaus von Northampton geschafft, wo er bis zu seinem Tod 1864 verbleibt. Eine zweite Flucht sollte es nicht geben.

Bestechend in seinen Analysen, berückend in seiner lyrisch verdichteten Sprache, ist "Der Rand des Orizonts" eine Art poetischer Kataster, der die Räume und Landschaften einer historischen Figur in den Räumen und Landschaften der Gegenwart spiegelt – und in dieser Gegenüberstellung der Unwirtlichkeit der Städte, der Zersiedlung des ländlichen Raumes ein vernichtendes Urteil spricht. Zugleich ist Sinclairs gegenüber der 2006 in London erschienenen Originalversion in gekürzter Fassung präsentierte Studie ein Exerzitium in britischer Literaturgeschichte mit Exkursen zu Keats, Shelley, Coleridge, Thomas de Quincey, Lord Byron, Thomas Hardy, James Joyce, T.S. Eliot und Samuel Beckett.

"Reise als Metapher", Gehen, Wandern, Marschieren als Abtasten eines Weges, Gassen in die Vergangenheit, Pfade zu John Clare, Spuren in die "Fiktion von Biographie" – Sinclair, ein wahrhaft bewanderter Autor, scheint seine eigenwillige topographische Prosa quasi dem Boden abgerungen zu haben. Eine literarische Landvermessung, in der sich Sprachbilder finden wie dieses: "Frühe Trinker, die Überbleibsel gummiartiger Nachmittage, sind Teil der Einrichtung."

Iain Sinclair: Der Rand des Orizonts. Auf den Spuren von John Clares "Reise aus Essex". Aus dem Englischen von Esther Kinsky. Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2017. 272 Seiten, 26 Euro.

Autor: Hartmut Buchholz