"Ich recherchiere gern"

Joachim Schneider

Von Joachim Schneider

Sa, 05. Mai 2018

Literatur & Vorträge

BZ-INTERVIEWmit der Autorin Lilian Loke über ihren zweiten Roman / Lesung in Freiburg.

Für ihr Debüt "Gold in den Straßen" erhielt sie zahlreiche Preise und Stipendien. 2015 las die Münchnerin daraus in Freiburg, nun kommt Lilian Loke mit ihren zweiten Roman "Auster und Klinge" an die Dreisam. Darin trifft der heimliche Einbrecher und Familienvater Victor nach seinem Gefängnisaufenthalt auf den radikalen Künstler Georg, der mit seinem Millionen-Erbe aus der Fleischindustrie hadert. Joachim Schneider sprach mit der Autorin über Kunst, Ausweiden und soziale Themen.

BZ: Frau Loke, hat die Recherche zum Roman Spaß gemacht?
Loke: Ich recherchiere gern, weil mich interessiert, wie Dinge funktionieren, zum Beispiel wie man ein Schwein schlachtet oder in Häuser einbricht, aber auch, was sich hinter Dingen verbirgt. Die umfangreiche Recherche zu globalen Produktions- und Arbeitsbedingungen hat natürlich auch Kraft gekostet, weil ich dem Thema gerecht werden wollte.
BZ: Wie nah mussten Sie rangehen in der Fleischfabrik?
Loke: In eine Schlachterei kommt man nicht so einfach, aber es gibt eine Menge Lehrmaterial für Auszubildende und Videomaterial, von dem ich etliche Stunden gesichtet habe.
BZ: Die Ausweidung klingt hautnah.
Loke: So soll es auch sein. Allerdings ist es auch die simple Schilderung eines Handwerks. Dieses Unbehagen, die die Schlachtung und Zerlegung eines Tiers bei manchen erzeugt, zeigt die starke Entfremdung von Produkten und deren Entstehung. Darauf zielen auch die Aktionen des Künstlers im Roman ab. Was steckt in Dingen des alltäglichen Lebens, Nahrung, Kleidung, Elektrogeräte, Spielwaren? Wer arbeitet für mich und unter welchen Bedingungen?
BZ: Hobby-Künstler kommen bei ihnen nicht so gut weg – lästert da die Kunsthistorikerin?
Loke: Im Gegenteil, nur manche bestimmte Kunstkenner kommen bei mir nicht so gut weg. Der Künstler im Roman stellt Fragen nach dem, was wir als Normalität empfinden. Was wir sehen und was wir sehen wollen. Er will den Blick des Betrachters schärfen, im Alltag: Unsichtbares sichtbar machen.
BZ: Hat Georg, der radikale Künstler, ein reales Vorbild?
Loke: Nein, aber verschiedene künstlerische Strömungen und Gruppen hatten indirekt Einfluss auf die Kunstaktionen im Roman, zum Beispiel die Wiener Aktionisten oder The Yes Men. Aber in der Regel steckt in jeder Figur viel von mir selbst, jede Figur ist ein Gedankenspiel, das auf dem Papier lebendig wird.
BZ: Auch die Einbrecher beziehungsweise Kleinkriminellen wirken sehr echt – wie kommt’s?
Loke: In mir schlummert wohl auch ein ganz begabter Verbrecher.
BZ: "Auster und Klinge" ist weder Fisch noch Fleisch, sondern eine spannende Geschichte zwischen Kriminal- und Gesellschaftsroman. Oder?
Loke: Es ist ein Gesellschaftsroman mit Thriller- und Crime-Elementen, ein bewusster Hybrid, ein Spiel mit den Genres. Mir war wichtig, harte Themen im Roman in eine dichte, schnelle, Story geladene Form und Sprache zu bringen und mit schwarzem Humor auch Komik im Schrecken zu zeigen. Ein bisschen "Breaking Bad", ein bisschen Michael Kohlhaas, eine Prise Georg Büchner, einen Hauch Stephen King.
BZ: Gutes Rezept, was steckt dahinter?
Loke: Der Roman beschäftigt sich doch mit realem Horror, der Gewalt unter der Oberfläche. Und er stellt die Frage nach Chancen und Grenzen des Mitgefühls, nach Gerechtigkeit und Selbstjustiz. Zugleich spricht der Text durch die unterschiedliche sozioökonomische Herkunft der Protagonisten auch die Frage nach gesellschaftlicher Teilhabe und sozialer Mobilität in Deutschland an.

Lilian Loke (32) studierte Kunstgeschichte, Neuere deutsche Literatur und Englische Literaturwissenschaft und ist seit 2012 Beraterin in einer PR-Agentur.
Buch: Auster und Klinge. C. H. Beck, München 2018. 313 Seiten, 19,95 Euro.
Lesung:
Buchhandlung Schwarz, Günterstalstr. 44, Freiburg, Dienstag, 8. Mai, 20 Uhr.