Kinder, Weib und Katze

Andreas Kohm

Von Andreas Kohm

Sa, 15. April 2017

Literatur & Vorträge

Hermann Hesses Haus in Gaienhofen .

Am 4. April 1909 schreibt Hermann Hesse in einem Brief aus Gaienhofen am Bodensee, auf der Halbinsel Höri, wo er mit Familie seit fast fünf Jahren – und noch drei weitere – lebt: "Ich arbeite wie toll, um meinen neuen, vergrößerten Garten in Stand zu bringen, dabei wird man ganz idiotisch und kreuzlahm, aber nett ists doch und freut einen, vom Salat und den Tomaten nachher ganz abgesehen. Dazu zwei Kinder, Weib und Katze, es könnte fast ein Idyll sein."

Die Villa in Panoramalage, die er 1907 bauen lässt, soll städtischen Wohlstand und lebensreformerisch-ländliche Einfachheit verbinden. "Aber die Ewigkeit, für die wir gebaut hatten, dauerte nicht lange." Dann wird ihm in der Abgeschiedenheit des rustikalen Selbstversorgerlebens, aber auch in der Ehe zu eng. Haus und Garten werden verkauft – und erleben ihre eigene Geschichte, mit anderen Menschen.Wollte es der Zufall, dass die Biologin Eva Eberwein, die seit ihrer Kindheit eng mit Gaienhofen und der See-Landschaft verbunden ist, 2003 vom Verkauf des leer stehenden Haus mit seinem verwilderten Garten erfährt, vom geplanten Abriss? Es ist der "Duft meiner Kindheit", der sie aus der zarten Annäherung spontan hineinkatapultiert in eine Herzensangelegenheit, in ein mehrjähriges Recherche-, Renovierungs- und Rekon-struktionsprojekt von Haus und Garten, dessen imaginäres Zentrum Hesse bleibt, wiewohl sie um die notwendigen Veränderungen und unwiederbringlichen Verluste weiß. "Die Kunst ist es, das Vorhandene mitzunehmen und in das Neue einzubetten."

Der Garten wird Eberwein zum Reflexionsraum prozessualen Wandels: der Jahreszeiten, der Pflanzen, der Gebäude, Wege und Hecken, des Komposthaufens. Langsam, geduldig beobachtend nähert sie sich den Gegebenheiten, arbeitet und denkt sich in sie hinein, um ihren verborgenen "Kern" zu "entziffern". Mit Emphase beschreibt sie die Einfühlung in den mentalen und spirituellen Raum, den ein Garten immer auch darstellt: Vorstellungen vom Paradiesgärtlein sind tief in den Kulturen des Orients und Okzidents verwurzelt. Heute sind es – neben historischen Aufnahmen – die Fotografien Ferdinand Graf von Luckners, die den Garten schwelgerisch durchstreifen und seine Bedeutung auch als Erinnerungs- und Sehnsuchtsraum für seine Bewohner und internationale Besucher hervorheben. Und Kreise ziehen über Hesses Garten-Idyll hinaus.

Eva Eberwein: Der Garten von Hermann Hesse. Von der Wiederentdeckung einer verlorenen Welt. Mit Fotografien von Ferdinand Graf von Luckner. DVA, München 2016. 160 Seiten, 29,99 Euro.