KRIMINALROMANE: Hopper zu Ehren

Joachim Schneider

Von Joachim Schneider

Sa, 20. Januar 2018

Literatur & Vorträge

Eine schöne Anthologie und eine Dreckschleuder.

Und immer wieder Amerika: mal in schönen Bildern, umrahmt von Geschichten, mal aus dem Dreck.

Nighthawks

Ein schönes Buch. Obwohl "schön" im Krimigenre keine übliche Kategorie ist, lässt sich das über "Nighthawks" auf jeden Fall sagen. Benannt nach seinem berühmtesten Bild versammelt die Anthologie Geschichten zu Werken des Malers Edward Hopper. Herausgegeben wurde der Band vom Altmeister Laurence Block. Stephen King hat sich beteiligt, Joyce Carol Oates, Lee Child, Michael Connelly und Joe R. Lansdale, um nur die bekanntesten der Autoren zu nennen. Dass sich in der strengen Komposition und hinter der Perfektion mehr verbirgt als dekorative Melancholie, ist spätestens seit Hoppers 100. Geburtstag 1982 auch hierzulande Allgemeingut. Umso mehr lässt sich in den reduktionistischen Realismus hineinlegen oder -interpretieren oder drum herum spinnen, wie es die Schriftsteller gern tun.

An den großen Namen lässt sich schon erkennen, wie reizvoll sich die Aufgabe gestaltete – und ja: auch am Ergebnis. Unterschiedlicher könnten die Geschichten kaum sein, doch nie steht der Effekt im Vordergrund, ein ungeahnter Dreh oder gar Gewalt – ganz im Sinne des Erfinders, des Malers des Unscheinbaren. Manche Texte klingen routiniert, andere ambitioniert, je nach Schwerpunkt der Perspektive auf die Bilder, die jeder der 17 Geschichten vorangestellt sind. Am verblüffendsten: Jefferey Deavers kühne Nachkriegs-Agentenstory, in der das Bild selbst eine Rolle spielt, und die Geschichte von Nicholas Christopher, in der die Aufgeräumtheit ins Absurde abdriftet. Natürlich gibt es fast klassische Kriminalgeschichten, während King auf knapp 30 Seiten in menschliche Abgründe abtaucht. Die Autoren führen vor, wie man dem (vermeintlichen) Realismus ein Schnippchen schlägt oder ihn in andere Sphären hebt: die der Poesie. Auch das dürfte im Sinn des Malers sein. Wie gesagt: ein schönes Buch.

Smonk

Das gilt für "Smonk" in keiner Weise, selbst der titelgebende Name der Hauptfigur klingt schon eklig und transportiert Schmutz. Tom Franklin hat eine wahrhafte Dreckschleuder in Literatur umgesetzt. Deren Sinn besteht nicht nur darin, den amerikanischen Gründungsmythos zu zerfetzen. Da wird gleich noch die Gattung des Neo- oder Gothic-Western herzallerliebst durch den Kakao gezogen. Ein furchtbarer Ort namens Old Texas im Niemandsland von Alabama ist 1911 immer noch gebeutelt vom Bürgerkrieg. Damals kamen die Männer abhanden, und aus dem Nest ist eine Art sektiererische Hölle geworden, in der Outlaw-Quasimodo Smonk auf seine alten Tage noch etwas zu erledigen hat respektive vor Gericht muss, während ein quasi christliches Einsatzkommando mit einem unglaublich bigotten Anführer eine junge androgyne Hure verfolgt. Unterste Schublade: nun ja. Doch Tom Franklin, einst gefeierter literarischer Newcomer, stellt das Schränkchen auf den Kopf. Warum er das tat und wie das Buch schon vor zehn Jahren für Furore gesorgt hat, steht im exzellenten Vorwort vom Pulp Master Verleger Frank Nowatzki. Hut ab!

Lawrence Block (Hrsg.): Nighthawks. Deutsch von Frauke Czwikla. Droemer Verlag, München 2017. 320 S., 29,99 Euro.
Tom Franklin: Smonk. Deutsch von Nikolaus Stingl. Pulpmaster Verlag, Berlin 2017. 310 S., 14,80 Euro.