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07. Oktober 2017

KRIMINALROMANE: Stadt des Verbrechens

Eine Sammlung von Kriminalgeschichten aus Paris.

Voilà – Frankreich als Gastland der Frankfurter Buchmesse: Endlich werden die großartigen Kriminalromane aus dem Nachbarland gebührend gewürdigt. Von wegen. Es passiert so gut wie nichts für und mit dem Polar, dem französischen Kriminalroman. Was über dessen Wertschätzung hierzulande einiges aussagt. Im Grunde genommen reüssieren in Deutschland nur atlantische Regio-Krimis, in denen das Lokalkolorit so penetrant riecht wie alter Fisch. Ausnahmen wie die unerbittliche Dominique Manotti oder die traumwandlerische Fred Vargas bestätigen die Regel.

Sporadisch erscheinen aber doch ein paar aus dem Französischen übersetzte Kriminalromane zum Beispiel im Hamburger Polar Verlag, dessen Name zumindest teilweise Programm ist und dessen Titel erahnen lassen, was bei den Nachbarn möglich ist. Christian Roux macht in "Der Mann mit der Bombe" aus Verzweiflung und Ohnmacht eine moderne, aberwitzige Bonnie-und-Clyde-Geschichte, Estelle Surbranches lässt in ihrem Koks-Albtraum "So kam die Nacht" die Jeunesse Dorée unter die Räder geraten: Hier platzen Schädel, Lungen und Herzen. Immer noch erhältlich sind die Klassiker des Neo-Polar im Distel Verlag, darunter auch preisgekrönte Romane des mittlerweile 72-jährigen Jean-Bernard Pouy.

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Schwarze Geschichten
aus der Stadt des Lichtes
Pouy darf nicht fehlen, wenn es um Noir – also düstere Geschichten über und in Paris geht. Seine Story "Die Rache der Kellner" erzählt mit beißendem Sarkasmus von der Gentrifizierung, also der Verhübschung und Verteuerung eines Viertels. Öde Sozialkritik hilft weder den vertriebenen Alteingesessenen noch der Literatur. Manchmal ist die Sache komplizierter. "Paris Noir" heißt eine grandiose Sammlung von zwölf (Kurz-) Geschichten, die in der Stadt des Lichtes, der Liebe und des Verbrechens spielen. Dass die Geschichten thematisch nach Bezirken, sprich Arrondissements, aufgeteilt sind, erscheint als Reminiszenz oder als Finte.

Denn die Seine-Metropole ist im ständigen Wandel, die Viertel sind durchlässiger denn je – auch für Verbrechen. Unter der Oberfläche brodelt es. Die Russen-Mafia hat ihre Models laufen, und wehe dem, der in eine verhängnisvolle Affäre gerät. Geheimdienste tragen Scharmützel aus, während ein wundervolles Gericht versaut wird, brutale Diebe sind gleichzeitig weise Gelehrte. Nichts ist so, wie es einmal war. Womöglich war es nie so. Literarisch eine Klasse für sich, könnte die Bandbreite nicht größer sein: Waghalsige oder verrückte Ich-Erzähler, gnadenlose Chronisten oder poetische Dichter.

Herausgeber des 2008 international erschienenen Bandes ist Aurélien Masson, der von 2005 bis 2017 die legendäre "Série noire" bei Gallimard herausgab. In seinem launigen Vorwort tut er so, als wären diese oder solche Paris-Geschichten das Selbstverständlichste der Welt. Dabei bleibt alles schwierig. Kurioserweise erschien das Buch zuerst in den USA, danach kam eine leicht veränderte Fassung in Frankreich auf den Buchmarkt. Nun hat es der junge Verlag Cultur Books gewagt, das Buch ins Deutsche zu übertragen. "Paris Noir" soll der erste Teil einer Städtereihe sein, im Frühjahr 2018 folgt die Berlin-Ausgabe. Man darf gespannt sein und dann Äpfel mit Birnen vergleichen.

Aurélien Masson (Hg.): Paris Noir. Aus dem Französischen von Zoë Beck, Jan Karsten und Martin Spieß. Cultur Books, Hamburg 2017. 256 Seiten, 15 Euro.

Autor: Joachim Schneider