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14. Dezember 2015

Mit Heidegger auf dem Holzweg

Eine Freiburger Tagung beschäftigte sich mit dem Philosophen.

  1. Martin Heidegger (1889 bis 1976) Foto: dpa

Im November 2013 waren die krass antisemitischen Stellen in Martin Heideggers Schwarzen Heften zuerst in Frankreich bekannt geworden und hatten einen Skandal ausgelöst. Günter Figal, Inhaber des sogenannten Heidegger-Lehrstuhls in Freiburg und damals noch Vorsitzender der Martin-Heidegger-Gesellschaft, kannte zu dem Zeitpunkt bereits den gesamten Text der Schwarzen Hefte von 1931 bis 1941, wie er dann im März 2014 vom Verlag Klostermann publiziert wurde. Während sich Kongresse in Paris, New York, Rom, Frankfurt und Siegen mit Heideggers Verstrickung in den Nationalsozialismus befassten, wartete die Fachwelt auf Freiburg, genauer: auf Figal.

Wenn nun die Freiburger Universität zwei Jahre nach dem Beginn des Skandals reagiert, und ihr Wissenschaftskolleg, das Frias, die Freiburger Religionsgespräche und das Colloquium Phaenomenologicum eine Fachtagung zu den Schwarzen Heften veranstalten, so kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Universität die Geduld mit Figal verlor. Der sich an diesem Kongress, obwohl eingeladen, nicht beteiligt und stattdessen im Januar seine eigene Tagung veranstaltet.

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Freiburgs Zögern hat aber auch Vorteile gebracht. Inzwischen liegen auch die im März 2015 publizierten Schwarzen Hefte der Jahre bis 1949 vor. Man musste ja abwarten, meint der Husserl-Forscher Hans-Helmuth Gander, Mit-Organisator dieser Tagung, ob sich in den Notaten nach 1945 ein selbstkritischer und durch das Wissen vom Holocaust geläuterter Heidegger zeigt; nun gilt diese Hoffnung als enttäuscht.

Der Modus
des Befehls

Darauf hob der 85-jährige Freiburger Emeritus Rainer Marten in seinem Eröffnungsvortrag ab. Wenn Heidegger nach 1945 das von Juden in den KZs Erlittene dem gegenüber bagatellisiere, was die Alliierten dem "deutschen Wesen" antun, oder er den "Weltjournalismus" für schlimmer hält als die Menschen auslöschende Hitzewelle der Atombombe, dann, so Marten, "entspringt das der Mitte seines Denkens". Eines Denkens, das sich schon in dem 1927 erschienen Klassiker "Sein und Zeit" nicht dem konkreten lebenden Menschen verpflichtet fühle, sondern seinem Wesen. Und einem von Heidegger selbst erfundenen Seinsbegriff – in den später dann die NS-Ideologie eingebaut wurde. Kein Philosoph sei Heidegger gewesen, sondern Mystiker und Eschatologe – auch, weil er keinen Weg zeige, wie Wahrheit im Diskurs gefunden werden kann, statt sich zu offenbaren.

In der anschließenden Podiumsdiskussion schloss Marion Heinz aus Siegen daran an. Heideggers Erfindung einer Seinsgeschichte als 3000-jährige Verfallsgeschichte eines ursprünglichen, vorrationalen Denkens, auf die er unablässig in den Schwarzen Heften rekurriert, sei ein "Mord der Philosophie" als eines Denkens, das sich nach rationalen Standards verantwortet.

Christoph Demmerling aus Jena erinnerte daran, dass Heideggers Ablehnung von Rationalität und Vernunft und seine Übernahme völkischer und nationalsozialistischer Denkmuster seit je kritisiert wurden. Einer der ersten war Jürgen Habermas. 1953 las er Heideggers soeben gedruckte Vorlesung "Einführung in die Metaphysik" von 1935. Habermas publizierte in der FAZ eine Kritik, die damals das Feuilleton erregte, bis heute als stichhaltig gilt und durch die Lektüre der Schwarzen Hefte im Nachhinein bestätigt wird. Motive wie Antimodernismus, Ressentiment gegenüber der Lebensform aufgeklärter Urbanität, die Parallelisierung von Griechen und Deutschen, die sich obsessiv durch Heideggers private Notate ziehen, fand Habermas 1953 in der Vorlesung, und den Satz von der "inneren Wahrheit und Größe" der NS-Bewegung. Der ihn schockierte – "wie kann einer unserer größten Philosophen so etwas machen?", wird er später sagen. Und meinte damit Heideggers Infragestellung der liberalen Ideale des aufgeklärten politischen Denkens der Neuzeit. Die, auch daran erinnerte Demmerling, Hannah Arendt bereits 1946 kritisiert hatte, wenn sie Heidegger vorwarf, "die Anwesenheit der Menschheit in jedem Menschen zu vernichten".

1953 war auch ein Schlüsseljahr für die Beziehung zwischen dem Katholizismus und Heidegger. Darauf verwies der katholische Theologe Georg Essen von der Ruhr-Universität Bochum. Johann Baptist Metz publizierte 1953 einen frühen Aufsatz, der den vorsichtigen Beginn einer kritischen Auseinandersetzung mit Heidegger markiert. Insgesamt aber, so Essen, ergibt sich das Bild einer lange andauernden Faszination vieler Theologen durch Heidegger, die dazu beigetragen habe, eine kritische Auseinandersetzung mit der eigenen NS-Verstrickung bis in die 60er Jahre zu verzögern. Karl Rahner wurde 1933 zum Studium bei Heidegger nach Freiburg delegiert, weil die Jesuiten Kontakt zu diesem Starphilosophen finden wollten. An der Moderne vorbei mit Heidegger modern sein zu wollen: Das führte, so Essen, dazu, dass man sich an einem Philosophen der Gegenmoderne orientierte und damit auf einen Holzweg begab.

Zum Abschluss der Tagung präsentierte Dieter Thomä aus St. Gallen, ein Schüler Rainer Martens, Heidegger als den "Philosophen des Ausrufezeichens". Der Modus des Befehls, nicht des Fragens, durchziehe Heideggers Denken von den frühen 20er Jahren bis zu seiner späten Philosophie. Und in dem Maß, wie nicht mehr das Selbst, sondern das deutsche Sein zum Befehlsgeber wurde, nahm Heideggers Denken in den Schwarzen Heften totalitäre und gleichmacherische Züge an. Ein deprimierender, aber mit großem Beifall bedachter Befund.

Schwarze Hefte

Durch den dunklen Einband kamen diese Hefte zu ihrem Namen. Es handelt sich um Denktagebücher des Philosophen Martin Heidegger aus den Jahren 1931 bis 1975. Der dritte im März 2014 erschienene Band der Hefte von 1939 bis 1941 beleuchtet Heideggers Verhältnis zum Antisemitismus.  

Autor: BZ

Autor: Eggert Blum