Mosaiksteine, die sich nicht zum Bild fügen

Bettina Schulte

Von Bettina Schulte

Mi, 16. Mai 2018

Literatur & Vorträge

Die Künstlerin Andrea Scrima legt mit "Wie viele Tage" ihr literarisches Debüt vor / Lesung.

Es sind Straßennamen, die dieses Buch strukturieren. Vier Straßen vor allem: Zwei liegen in Berlin-Kreuzberg, zwei in Brooklyn. Dazwischen spannte sich in den 1980/90er-Jahren das Leben der 1960 geborenen Künstlerin Andrea Scrima aus, die mit ihrem Roman "Wie viele Tage" nun ihr literarisches Debüt vorlegt. Man zögert fast, diesen fein gesponnenen Prosatext "Roman" zu nennen. Einen Plot hat er so wenig zu bieten wie fiktive Figuren. Die Autorin selbst ist als Ich-Erzählerin zu identifizieren. Wie ein Mosaik fügen sich die kaum mehr als ein, zwei Seiten umfassenden einzelnen Passagen des Textes, zusammen: Doch ein kohärentes Bild stellt sich am Ende nicht ein. Mit einem geradezu beschwörend wiederholten "Wie" sucht die Schreibbewegung nach einer Möglichkeit der Vergegenwärtigung von Erinnerung. Immer wieder wird ein Du angesprochen, dessen Identität im Dunkel bleibt. Manchmal, so scheint es, ist der Vater gemeint, meistens der Geliebte, Gefährte oder sind es zwei: einer, der in New York zurückgelassen, einer der in Berlin gefunden wurde? Man kommt nicht dahinter, soll es nicht. Die Ungewissheit hält den Text in Spannung.

Es ist die Ungewissheit auch der eigenen Existenz gegenüber, die sich schon im Titel anzudeuten scheint: "Wie viele Tage". Da kein Fragezeichen gesetzt ist, lässt er vieles offen. Wenn jemand zwischen zwei Kontinenten, zwei Wohnungen lebt, stellt sich die Frage nach der Flüchtigkeit der Erscheinungen womöglich dringlicher. Andrea Scrima scheint von ihr verfolgt zu sein. Immer wieder rücken die Dinge, die sie umgeben, in den Fokus. Dinge, die eingepackt, eingelagert, in Koffern transportiert werden. Dinge, die allein durch menschliche Anwesenheit mit Bedeutung aufgeladen werden. In unablässigen Anläufen hakt sich das Ich an einzelnen Situationen, Momenten fest, zoomt sie heran, um sie mit einer fast schon unheimlichen Wahrnehmungsgenauigkeit aus dem Dunkel der Vergangenheit, des Ungesagten herauszuholen und auszuleuchten. Nicht grell, sondern tastend und behutsam.

Dabei stellt sich keineswegs die Sicherheit der Selbstvergewisserung ein, sondern: Befremden und Fremdheit. Dieses Ich mäandert durch sein Bewusstsein wie durch seine Tage. Nichts ist auf Dauer zu greifen. "Wann hört ein Ort auf, ein Ort zu sein, wann wird eine Person zur Adresse?" Solche Fragen treiben die Erzählerin um.

Fast verschämt bricht gelegentlich die Zeitgeschichte ein in die unaufhörliche Suchbewegung des Texts: der in New York fast hysterisch aufgenommene Mauerfall, das würdelose Anstehen ums Begrüßungsgeld. Dem – oft verwirrten – Blick der Künstlerin zu folgen, heißt auch für die Lesenden, Gewissheiten hinter sich zu lassen, auf vorschnelle Deutungen des Wahrgenommenen zu verzichten. Das kann, dies zeigt dieses schwebend präzise Buch, ein überaus spannender, faszinierender Prozess sein.

Andrea Scrima: Wie viele Tage. Roman. Aus dem Amerikanischen von Barbara Jung. Droschl Verlag, Graz/Wien 2018. 188 Seiten, 23 Euro. Lesung: Die Autorin liest auf Einladung des Carl-Schurz-Haues am 17. Mai um 19.30 Uhr im Museum für Neue Kunst, Freiburg, Marienstraße 10.