"Nicht nur Worte, sondern Inhalte"

Constantin Hegel

Von Constantin Hegel

Mo, 19. Juni 2017

Literatur & Vorträge

Die Freiburger Übersetzerin Ragni Maria Gschwend präsentiert den Roman "Verfahren eingestellt" von Claudio Magris.

Erster Eindruck: In drei Zimmern von Ragni Maria Gschwends Wohnung stapeln sich die Bücher in raumumfassenden Regalen. Im Arbeitszimmer mit Schreibtisch und Computer stehen nur italienische Autoren, denn die Wahl-Freiburgerin übersetzt seit mehr als 40 Jahren aus dem Italienischen ins Deutsche. Selbstverständlich steht hier auch Umberto Ecos Weltroman "Der Name der Rose" – das Buch, mit dem der italienischen Literatur in Deutschland der Durchbruch gelang. Nach der Italien-Buchmesse 1988 wollten plötzlich immer mehr Verlage italienische Autoren. Und Gschwend fing an, ihrer Leidenschaft für diese Sprache auch beruflich nachzugehen.

Angefangen hat alles mit einem Italienischkurs an der Volkshochschule, denn neben Englisch und Französisch war das die einzig angebotene Fremdsprache in ihrer Heimat im Allgäu. "Ich wollte immer fort und ins Ausland", erzählt Gschwend bei Kaffee und Gebäck. Als gelernte Buchhändlerin war sie zwar schon in England und der Schweiz unterwegs, aber es zog sie mehr und mehr Richtung Süden. "Ich hatte immer den Traum, ich gehe nach Italien."

Als sie in Perugia studierte, fing sie an, die Gedichte eines italienischen Freundes zu übersetzen. Auf die Frage, wie sie anschließend zum Beruf der Übersetzerin kam, lächelt sie und antwortet: "Da cosa nasce cosa" – eins kommt zum andern. Etliche Ehrungen hat sie seither für ihre Tätigkeit bekommen, unter anderem den Übersetzerpreis der Leipziger Buchmesse 2006 und das Bundesverdienstkreuz erster Klasse 2008.

Ihre neueste Arbeit ist der Roman "Verfahren eingestellt" (BZ vom 1. April) des Germanisten Claudio Magris. Darin geht es um dessen Heimatstadt Triest. 500 Jahre österreichische Herrschaft, die Zeit des Faschismus, die geographische Lage zwischen Italien, Slowenien und Kroatien: "Man muss alles verstehen, um übersetzen zu können. Nicht nur die Worte, sondern die Inhalte", erklärt Gschwend, während sie ihren Rechercheordner mit Lexikonartikeln und Wikipedia-Einträgen durchforstet. "Ohne Google", führt sie aus, "hätte ich das gar nicht geschafft." Das World Wide Web hilft nicht nur, wenn es um historische Nazi-Persönlichkeiten geht, sondern auch, wenn man die genaue Funktion eines Elektrischen Stuhls herausfinden möchte.

Nicht nur der komplexe Stoff birgt Tücken: Die romanischen Sprachen fangen mit dem Verb an, im Deutschen steht das Verb hinten. Da stellt sich die Frage nach Umstrukturierung, gleichzeitig müsse man aber den Duktus der Sprache beibehalten, weiß Gschwend. Aus langen italienischen Sätzen, wie sie auch Magris gern verwendet, könne man nicht einfach nur kurze deutsche Sätze machen. Eignet sich das Deutsche besser, um komplizierte Sachverhalte, zum Beispiel in der Philosophie, differenziert auszudrücken, schreibt Gschwend dem Italienischen eine größere Sinnlichkeit zu.

Weniger sinnlich geht die tägliche Übersetzertätigkeit zu: Meistens eilt die Arbeit, die Lektoren machen Druck. Es gilt, sorgfältig zu bleiben. Ein Jahr saß sie an den insgesamt 396 Seiten. Immer wieder stand sie dabei auch mit Magris direkt in Kontakt, den sie jetzt schon viele Jahre kennt. In Briefen macht er ihr Vorschläge über einzelne Wortformulierungen – und dankt ihr immer wieder für ihre unermüdliche Arbeit.

Wie sieht es bei so viel Wortklauberei mit privater Lektüre aus? Momentan liegt der Spiegel-Bestseller "Meine geniale Freundin" des italienischen Pseudonyms Elena Ferrante auf ihrem Nachttisch – geschickt von der Kollegin Karin Krieger, die den Roman übersetzt hat. Abends liest Gschwend gerne darin – und zwar ganz ohne darüber nachzudenken, wie die Zeilen übersetzt wurden.

Lesung und Gespräch in der Reihe Freiburger Andruck, Stadtbibliothek, Mittwoch, 21. Juni, 20 Uhr.