Nicht Religion ist die Ursache, sondern Unkenntnis

Harald Loch

Von Harald Loch

Fr, 06. April 2018

Literatur & Vorträge

BUCH IN DER DISKUSSION:Woher kommt der Antisemitismus unter Muslimen? Der Forscher David Ranan hat 70 Interviews geführt.

Alarm! Die Ermordung einer 85-jährigen Holocaust-Überlebenden in Paris, beunruhigende Nachrichten aus Schulen nicht nur in Berlin über das Mobbing jüdischer Kinder und Jugendlicher durch Mitschüler mit einem muslimischen Migrationshintergrund fordern Antworten auf die Fragen nach einem muslimischen Antisemitismus. Wie stark ist er, was sind seine Ursachen?

Der Kultur- und Politikwissenschaftler David Ranan ist dem Problem schon länger auf der Spur. 1946 in Tel Aviv geborener Sohn einer deutsch-jüdischen Familie, ist Ranan als Fellow am Institut für Antisemitismusforschung der TU Berlin tätig. Er hat in 70 Interviews mit muslimischen Studenten, Intellektuellen und Oberschülern aus England und Deutschland, wo er abwechselnd lebt, mehr Klarheit in eine diffuse Diskussion zu bringen versucht. Er misstraut allen quantitativen Untersuchungen einschlägiger Organisationen, er misstraut dem ungenauen Begriff "Antisemitismus", und er argumentiert schlüssig gegen die zu kurz und oftmals suggestiv formulierten Fragenkataloge, aus denen sich eigentlich nur gleichsam "bestellte" Antworten ableiten lassen.

Für den Antisemitismusbericht des Deutschen Bundestages wurde zum Beispiel ein Bericht erstellt. In der Pressemitteilung wurden die Verfasser wie folgt vorgestellt: "Der Unabhängige Expertenkreis Antisemitismus besteht aus neun Fachleuten aus der Wissenschaft, dem Bildungswesen und der Zivilgesellschaft, die intensiv an dem Kampf gegen Antisemitismus beteiligt sind." Ranan fragt etwas spitzzüngig: "Sind es nun unabhängige Experten oder Kämpfer?"

Ranan selbst war für seine muslimischen Interviewpartner gewiss ein verständnisvoller Fragesteller, weil er – das ergibt sich aus seinen eigenen Worten – ein Skeptiker der israelischen Politik gegenüber den Palästinensern ist und weil er etwa das Übergewicht jüdischer Sponsoren auf beiden Seiten des jüngsten US-amerikanischen Präsidentschaftswahlkampfes nicht leugnet, sondern thematisiert. Ob der Wahrheitsgehalt der Antworten, die er erhielt, durch dieses gewisse Verständnis gestiegen ist? Vielleicht wenigstens die Bereitschaft, einem Juden für solche Interviews zur Verfügung zu stehen, aus denen in dem Buch ausgiebig zitiert wird.

Die Ergebnisse, die Ranan keineswegs als "repräsentativ", sondern als "bezeichnend" ansieht, lassen sich zu zwei markanten Befunden zusammenfassen.

Bei nahezu keinem Gesprächspartner Ranans war die antisemitische Haltung mit dem Koran oder überhaupt religiös begründet, obwohl von muslimischen Predigern gelegentlich auch einige der gegen Juden gerichteten Hass-Stellen im Koran verwendet werden. Vielmehr seien die antisemitischen Stellungnahmen der Interviewten fast immer auf den Israel-Palästina-Konflikt zurückzuführen. Dazu komme die Kritik an der Unterstützung Israels durch die USA und ihre Verbündeten. Mit der finanziellen Unterstützung und den Waffenlieferungen würden auch die vielfach als Schmach empfundenen militärischen Niederlagen der arabisch-muslimischen Gegner Israels in den Kriegen seit 1948 erklärt.

Der zweite, ebenso überraschende Befund der Befragungen war, dass die meisten der Interviewpartner nur ganz ungenaue Vorstellungen von den historischen Hintergründen des vor 70 Jahren gegründeten Staates Israel und von der Entwicklung seither in Israel und den Palästinensergebieten haben. Sie informieren sich einseitig aus antiisraelischen Quellen und geben sie – vorzugsweise über soziale Netzwerke und Familien- und Freundeskreise – ungeprüft weiter, selbst wenn sie ganz unplausibel sind. Das erschreckend mangelhafte Wissen über die Zusammenhänge erstaunt umso mehr, als Ranan ja eher gebildete Interviewpartner ausgesucht hatte, um möglichst intelligente Antworten zu bekommen. Wie mögen erst die Antworten weniger gebildeter Muslime ausfallen?

Ranan fasst die Ergebnisse seiner Gespräche wie folgt zusammen: "Oft beruhen Vorurteile, Misstrauen und Hass auf der mangelhaften und inkorrekten Kenntnis einer Sachlage. Dies kam auch bei vielen meiner Gesprächspartner zum Vorschein. All diese Stimmen sind nicht repräsentativ, und daher sollte man sich aus denen, die sagten, dass sie gern Juden kennenlernen möchten, kein utopisches Lösungsmodell erdichten. Nichtsdestotrotz wäre es falsch, solche Wünsche zu überhören und zu glauben, dass es nur unabänderlichen Judenhass unter Muslimen gäbe."