Nichts bleibt auf Dauer

Bettina Schulte

Von Bettina Schulte

Do, 08. Juni 2017

Literatur & Vorträge

BZ-PORTRÄT des deutsch-britischen Künstlers Tino Sehgal.

Und dann ist er einfach da. Sitzt im Garten des Restaurants der Fondation Beyeler, bestellt einen Beerenkuchen und einen Cappuccino. Und nimmt sich Zeit für ein Gespräch über seine ungewöhnliche Kunst, die nicht an Wänden hängt oder in Räumen steht. Tino Sehgal ist in Riehen zum Künstlergespräch geladen – zur Einstimmung auf die kommenden sechs Monate, während derer abwechselnd einige seiner Arbeiten im Renzo-Piano-Bau zu sehen sein werden. Und in der ganzen Zeit bis November zusätzlich eine im Park: Wenn Besucher an ihr vorbeikommen, spricht sie sie an oder singt ein Lied. "This You" heißt das Werk.

Rebellion ist es nicht

Tino Sehgal arbeitet nicht mit Material – wie Künstler es gemeinhin tun –, sondern mit Menschen, die er in Interaktionen bringt. Konstruierte Situationen nennt er sein künstlerisches Tun. Performance wäre der falsche Begriff: Das begreift man schnell. Eine Performance hat Ereignischarakter, während Sehgals Arbeiten von morgens bis abends zu sehen sind – zu den üblichen Öffnungszeiten des Museums. Menschen, die nach einer Audition mit speziellen Übungen nach bestimmten Kriterien ausgesucht werden, verkörpern Sehgals "Situationen", von denen nichts auf Dauer bleiben soll. Keine Fotografien, keine Videos. In "The Kiss" zum Beispiel liegen zwei Menschen auf dem Boden und liebkosen sich. Wichtig ist Sehgal, dass sie sich wirklich küssen und nicht nur so tun als ob. Diese Arbeit nennt er – spontan im Gespräch – eine "choreographische Skulptur". Andere Arbeiten beziehen den Betrachter konstitutiv mit ein: Er wird zum Mithandelnden. Mit der Verweigerung des materiellen Werkbegriffs im musealen Kontext hat Sehgal, der nicht Kunst, sondern – an der Essener Folkwangschule – Tanz studiert hat und sich als Schüler von Xavier Le Roy und Jérome Bel versteht, für Irritationen im Kunstbetrieb gesorgt. Den er indes keineswegs sprengen will. Rebellion, sagt Sehgal beiläufig beim Kuchenessen, sei für ihn eine vollkommen uninteressante Strategie. Rebellion werte das, wogegen sie sich wende, energetisch auf. Seine Kunst dagegen funktioniert exakt in der Umgebung, die durch die Arbeiten bildender Künstler als Museum markiert ist. Und nur in diesem konventionellen Rahmen könne sie überhaupt als innovativ wahrgenommen werden.

Sehgal, das wird er später im Gespräch mit dem Fondation-Direktor Sam Keller und der Kuratorin Theodora Vischer hervorheben, schätzt das Museum weitaus mehr als das Theater, in dem er sich als Choreograph "eigentlich" positionieren müsste. Das Museum ist für ihn ein Ort der Freiheit, an dem jedes Individuum seine eigene Begegnung mit der Kunst organisieren kann – ein "zivilisationsgeschichtlich innovatives Format". Dieses gilt es für ihn weiterzuentwickeln. Dem gegenüber fordert das Theater den kollektiven Körper: für Sehgal eine Rezeptionshaltung, die im 21. Jahrhundert obsolet geworden ist. Und ja: Diese Zeit feiert ihre Museen als die neuen Kathedralen, sie baut und baut neue Gehäuse für die Kunst, während das Theater in aufgelassene Industriebauten aus dem 19. Jahrhundert gezogen ist.

Seinen Gegenentwurf zur Materialität der Kunst erklärt Sehgal, der im frühsommergrünen Park der Fondation nichts von seiner durch Auftritte auf der Biennale und der Documenta, in der Tate Modern und dem New Yorker Guggenheim erworbenen Weltberühmtheit erkennen lässt, so: Er sei in Sindelfingen mit den Fortschrittsversprechen der technologischen Industrie aufgewachsen. Ihr Leitspruch: "Wir wandeln die Erde durch Produktion von Gütern um". Je mehr Güter, desto besser und desto glücklicher das Leben. Dieser Gleichung der westlichen Gesellschaft setzt die Kunst des in London geborenen Sohnes eines indischen Vaters und einer deutschen Mutter die Frage entgegen: "Was heißt es, auch Handlung wertzuschätzen"?

Das heißt auch: Man kann Arbeiten von Tino Sehgal nicht kaufen, um seinen Besitz zu mehren. Man kann sie nicht aus der sicheren Distanz des Betrachters zum Gegenstand "konsumieren". Im Unterschied zur zwangläufigen Zurschaustellung des Mitmachenden im Theater findet die Interaktion mit den Besuchern im Museum in einem intimen Rahmen statt: Immer wieder setzt der Künstler diese beiden Rezeptionsformen von Kunst gegeneinander.

Wenn ein Museum eine Arbeit von Sehgal ankauft, braucht es Menschen, um sie zu realisieren – wie bei dem Solo "This You", die die Fondation vor drei Jahren erworben hat. Ergänzt wird diese Situation im Park durch verschiedene Arbeiten Sehgals, die zum 20-jährigen Bestehen des Hauses in Dialog mit Werken der Sammlung treten: mit Bacon, Matisse, Brancusi und anderen. Diesen Dialog könne man hier besser führen als anderswo, sagt Tino Sehgal. Wer wollte ihm da widersprechen.

Fondation Beyeler, Riehen. Bis 12. November, Mo bis So 10 -18 Uhr, Mi 10-20 Uhr.