Pensionierter Pfarrer und Linguist haben erstmals die Bibel ins Elsässische übersetzt

Bärbel Nückles

Von Bärbel Nückles

Fr, 25. November 2016

Literatur & Vorträge

Der pensionierte Pfarrer Daniel Steiner und der Linguist Raymond Matzen haben erstmals die Bibel ins Elsässische übersetzt.

Was für eine gewaltige Aufgabe: Das Buch der Bücher, die Bibel, mehr als 35 000 Verse übersetzen. Und das auch noch in eine Sprache, die nicht einmal in verbindlicher Schriftform existiert. Daniel Steiner hat diese Aufgabe dennoch geschultert. Zwölf Jahre hat es gedauert, bis das Werk fertiggestellt war und nun auf 2016 Seiten gedruckt, zwischen Buchdeckeln in mattem Türkis vor ihm liegt: "D’Biwel uf Elsässisch". Warum er sich der Herausforderung gestellt hat, ausgerechnet in Zeiten, in denen es so wenige Elsässisch-Sprecher wie nie zuvor gibt? Daniel Steiners Erklärung ist denkbar simpel: "Es war mir eine Herzenssache. Weil es meine Muttersprache ist." Der Dialekt, sagt er, sei seine Lieblingssprache und obendrein eine Literatursprache von unwahrscheinlichem Reichtum.

Daniel Steiner, 67 Jahre und evangelischer Pastor im Ruhestand, haftet so gar nichts Missionarisches an. Und dennoch ist ihm etwas gelungen, was niemand vor ihm in Angriff genommen hat: Steiner hat die erste vollständige Bibelübersetzung in den elsässischen Dialekt vorgelegt. Eine Übertragung der vier Evangelien hatte es bereits im 19. Jahrhundert gegeben.

Damit das Werk gelingen konnte, arbeitete Steiner eng zusammen mit einem anderen Kenner des Dialekts. Der Dichter und Linguist Raymond Matzen, verstorben im Sommer 2014, als das Projekt noch lange nicht beendet war, leitete früher das Institut für Dialektologie an der Straßburger Universität. Matzens Beitrag war für Steiner aus einem ganz bestimmten Grund unabdingbar: Dialekt sprechen ist das eine, ihn schreiben und das auf einheitliche, auch noch lesbare Weise, etwas anderes. So haben Steiner als Übersetzer und Matzen als sein Korrektiv gemeinsam eine möglichst für viele der mutmaßlich noch 500 000 Dialektsprecher im Elsass zugängliche Fassung erarbeitet. "Er hat mir beigebracht, Elsässisch zu schreiben und eine Grammatik einzuhalten, die dem Deutschen nahe ist."

Wer als deutscher, zumal aus Süddeutschland stammender Muttersprachler diese Bibel zur Hand nimmt, wird sich eher leicht zurechtfinden. Wer alemannischen Dialekt nicht nur versteht, sondern auch spricht, wird feststellen, diese Übersetzung ist überaus gelungen. Raymond Matzen hatte Steiner geraten, die Übersetzung nicht in irgendeiner Variante des Elsässischen vorzunehmen, sondern ins Straßburger Elsässisch. "Matzen war der Ansicht, dass der Straßburger Dialekt von mehr Menschen verstanden wird", sagt Steiner.

Also hat Steiner sich die Straßburger Variante angeeignet. Er, der aus Lembach an der Grenze zur Südpfalz stammt, würde spontan für gewesen "g’wann" sagen. In seiner Bibelübersetzung schreibt er nun getreu der Straßburger Variante "g’sinn". Manchmal setzte er sich mit Matzen auch über Fragen der Interpretation auseinander. Beispielsweise die Seligpreisungen: Da habe Matzen "glücklich" befürwortet. "Ich bin beim selig geblieben", sagt Steiner. Er habe als Theologe entscheiden müssen, sagt er und fügt hinzu: "Ging es um die Schrift, hatte Raymond Matzen das letzte Wort."

Die ersten Sätze klingen dann – mit einer ganz eigenen poetischen Kraft – folgendermaßen: "Am Anfàng het Gott Himmel un Erd erschàffe. D’Erd isch noch formlos un läär g’sinn. D’Finschternis isch iwwer de Diefe geläje un de Geischt Gottes het iwwerem Wàsser g’schwebt."

Die Vorgeschichte dieser ersten Bibelübersetzung ins Elsässische reicht bis in die 1990er Jahre zurück. Steiner fertigt in einem Lesekreis erste Übertragungen einzelner Passagen an, schließlich kommen immer häufiger Texte für die Advents- und Passionszeit hinzu. In seiner aktiven Zeit als Pfarrer hatte Steiner Bibelpassagen und Fürbitten in seiner Muttersprache in Gottesdienste eingebunden und Lieder im Dialekt singen lassen. "Das war unsere elsässische Viertelstunde", sagt er. Einmal pro Jahr hat er zuletzt sogar während der ökumenischen Woche im Münster im Dialekt gepredigt. "Des gfallt de Lit", sagt er schmunzelnd. Und jetzt also das opus magnum.

2006 brachte Daniel Steiner beim Straßburger Verlag Editions du Signe ein Buch über die Bergpredigt heraus. Es folgten weitere Veröffentlichungen, wenngleich von geringerem Umfang als das nun erschienene. Doch auch Matzen sei der Auffassung gewesen, jetzt könne man doch einfach weitermachen, wo man so gut zusammenarbeite. 2013 habe dann auch sein Verleger, Christian Riehl, zugestimmt: warum nicht die ganze Bibel?

Martin Luther, dessen Übersetzung Steiner als maßgebliche Quelle zugrunde gelegt hat, war revolutionär, weil er das Wort Gottes für Menschen jenseits der Institution Kirche zugänglich machte – für jene, die kein Latein lesen konnten. "Vielleicht finden manche über die elsässische Bibel zum Wort Gottes, andere darüber zum Dialekt", sagt sich hingegen Steiner. Er bezeichnet seine Übersetzung im Übrigen als ökumenisch – er hat obendrein auch die Apokryphen aufgenommen. Auch das Übersetzerteam genügt schließlich diesem Anspruch: Daniel Steiner, der Protestant, Raymond Matzen, der Katholik.

D’Biwel uf Elsässisch (La Bible en dialecte alsacien), übersetzt von Daniel Steiner und Raymond Matzen. Editions du Signe, Straßburg 2016. 2016 Seiten, 50 Euro.