Leipziger Buchmesse

Preis für Belletristik für Natascha Wodins berückendes "Sie kam aus Mariupol"

Welf Grombacher

Von Welf Grombacher

Fr, 24. März 2017

Literatur & Vorträge

PREIS DER LEIPZIGER BUCHMESSE (I): Natascha Wodins biographische Spurensuche "Sie kam aus Mariupol".

Wenn die Lehrerin mal wieder von den Gräueltaten der Russen erzählt, wie sie während des Zweiten Weltkrieges kleine Kinder mit ihren Stiefeln zertreten hätten, weiß die junge Natascha Wodin schon, dass ihre deutschen Klassenkameraden nach Schulschluss wieder Hetzjagden auf sie veranstalten werden. Kein Wunder, dass sich das 1945 in Fürth als Kind verschleppter sowjetischer Zwangsarbeiter geborene Mädchen von ihren Eltern distanziert. Zehn ist Natascha, als die Mutter sich das Leben nimmt. Die ist ihr darum "mehr ein Gefühl als eine Erinnerung", schreibt Natascha Wodin in ihrem Buch "Sie kam aus Mariupol", für das sie gestern den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik erhalten hat. Selten lagen die Juroren so richtig.

Bereits ihr Debüt "Die Gläserne Stadt" (1983) nannte Natascha Wodin "so etwas wie den Versuch einer Autobiographie". Damals aber habe sie, die eigentlich Wdowin heißt, was ihr Verlag für unaussprechbar hielt und es eindeutschte, keine Ahnung gehabt von ihrer Biographie. Das Versäumnis holt sie jetzt nach, indem sie sich auf Spurensuche begibt nach der früh verstorbenen Mutter. Immer und immer wieder hat sie im Lauf der Jahrzehnte versucht, etwas über sie herauszubekommen, so dass es im Grund nur eine Spielerei ist, als sie den Namen ins Internet eingibt. Umso überraschter ist sie, als sie einen Treffer landet. Sie weiß nicht, ob sie sich freuen soll: "Ich starrte auf den Namen meiner Mutter auf dem Bildschirm und hatte dabei das Gefühl, dass die notdürftige Identität, die ich mir im Lauf meines Lebens zusammengebastelt hatte, zerplatzte wie eine Seifenblase."

Immer mehr erfährt sie über die Mutter und deren Verwandte, von denen kaum einer eines natürlichen Todes gestorben ist. 1944 wird die Mutter von den Nazis deportiert und muss in einem Leipziger Rüstungsbetrieb des Flick-Konzerns Flugzeuge montieren, die später über ihren eigenen Landsleuten Bomben abwerfen. Nach der Befreiung durch die Amerikaner 1945 wird sie als "Displaced Person" in ein Lager für ehemalige "Ostarbeiter" eingewiesen. Zurück in ihre Heimat kann sie nicht. Dort gilt sie als Kollaborateurin der Deutschen und muss Arbeitslager oder gleich die Exekution fürchten. In Deutschland aber wird die nach all den Erlebnissen seelisch kranke Frau nie heimisch und nimmt sich schließlich das Leben. "Sie war in den Reißwolf zweier Diktaturen geraten, zuerst unter Stalin in der Ukraine, dann unter Hitler in Deutschland." Schon mit ihrem Schlüsselroman "Nachtgeschwister" (2009), in dem sie über die Ehe mit Wolfgang Hilbig schrieb, hat Natascha Wodin bewiesen, dass sie bis an die Schmerzgrenze und darüber hinaus gehen kann. Auch der aktuelle Roman lässt den Leser betroffen zurück, erzählt er doch mit der sehr persönlichen Lebensgeschichte der Mutter auch die der 26 bis 27 Millionen Zwangsarbeiter, die von den Nationalsozialisten als billige Arbeitskräfte deportiert wurden, um zu Hause die an der Front kämpfenden deutschen Männer zu ersetzen. 30 000 Zwangsarbeiterlager gab es in Nazi-Deutschland. Wenig ist über sie bekannt. Natascha Wodin schafft es, in dem sie ihre eigene Familiengeschichte erzählt, diesen Namenlosen ein Gesicht zu geben und das Andenken an die Opfer zu bewahren. Nicht nur ein gutes Buch – ein wichtiges.

Mag man sich im ersten Teil auch mit Wodin im Dickicht ihres Familienstammbaums verlaufen, der wie ein ganzer Wald wirkt, so versteht sie es, im Verlauf des Buches doch zunehmend ins Erzählen zu kommen. Wo sie mit den Recherchen nicht weiterkommt, malt sie sich aus, wie es hätte sein können, oder behilft sich mit dem Tagebuch ihrer Tante Lidia, die in der Zeit des Großen Terrors unter Stalin als "konterrevolutionäre Aktivistin" das Arbeitslager überlebte. Einer adligen Familie entstammend muss diese Lidia mit ansehen, wie der Chauffeur nach der Revolution mit dem Auto wegfährt und nie zurückkommt, wie Nachbarn in der Kirche die als bourgeoises Eigentum konfiszierten Kleider von Lidias Großeltern tragen und ihr Konzertflügel im Palast der Werktätigen als Theke missbraucht wird, weil dort niemand Klavier spielen kann. Szenen, die einem nach der Lektüre dieses verstörenden Buches nicht mehr aus dem Kopf gehen.

Natascha Wodin: Sie kam aus Mariupol. Rowohlt Verlag, Reinbek 2017. 366 Seiten, 19,95 Euro.