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15. November 2017

Buch

Historiker Karl Schlögel verfasst "Das sowjetische Jahrhundert"

SACHBUCH: Der Historiker Karl Schlögel hat ein grandioses Buch über die Lebenswelt in der untergegangenen Sowjetunion geschrieben.

  1. Sowjetische Porzellanfiguren auf dem Flohmarkt im Moskauer Ismailowski-Park Foto: AFP

Wo findet man die aus der Zeit gefallenen Dinge, die doch nicht weggeworfen werden sollen? Vor allem auf Trödelmärkten lässt sich das Inventar vergangener Epochen aufspüren, in Moskau etwa im Ismailowski-Park. "Jede große Krise, jeder Umbruch, jedes Epochenende schlägt sich nieder auf Basaren", weiß Karl Schlögel.

Der Osteuropa-Historiker ist bekannt geworden durch seine Bücher über russische Städte: "Petersburg – Das Laboratorium der Moderne 1909-1921", "Terror und Traum – Moskau 1937". Zum 100. Jahrestag der Oktoberrevolution präsentiert er seine eigenen gesammelten und erworbenen Fragmente des sowjetischen Imperiums. "Das sowjetische Jahrhundert – Archäologie einer untergegangenen Welt" heißt sein neunhundertseitiges Werk – es ist eines der schönsten Bücher dieses Herbstes.

Was aber bedeutet es, wenn von "Archäologie" statt von "Geschichte" die Rede ist? Nun, der Gegenstand der Betrachtung, die Sowjetunion, ist nicht einfach vergangen, sondern untergegangen, vergraben unter vielen Erd- und Gesteinsschichten. Die sowjetische Zivilisation ist uns so fremd geworden wie ein Phänomen aus jahrhundertealten Zeiten. Von einer Archäologie des Dritten Reiches oder des Vietnamkrieges würde jedenfalls niemand sprechen. Der Verdacht kommt auf, dass Schlögels Rede von der Archäologie eher einer westeuropäischen Perspektive geschuldet ist, denn für die Menschen in der ehemaligen Sowjetunion dürfte das Gestern weniger weit entfernt sein. Sie trennt von der Vergangenheit eher die veränderte Lage als Grundsätzliches.

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Nicht der innere und äußere Abstand des Autors ist jedoch der Grund für die archäologische Methode, sondern der kulturgeschichtliche Zugang und Schlögels Interesse an Mausoleen und Palästen, an Parks und Kanälen, an Treppenhäusern und Toiletten, an Krematorien und Klöstern, an sozialistischen Großbauten und den riesigen Räumen im Osten. Aber auch an kleinen Dingen wie Kochbüchern und Enzyklopädien, Gerüchen von Parfüms und Geräuschen aus dem Radio. Dies alles hat er gesammelt und will es zum Sprechen bringen.

Und so pilgert der Archäologe Schlögel zu den verlorenen Stätten und Trümmern des sowjetischen Jahrhunderts mit einer Benjamin’schen Melancholie und einer wohltemperierten Sprache. "Methode dieser Arbeit: literarische Montage. Ich habe nichts zu sagen. Nur zu zeigen" – dies stellte Walter Benjamin seinem "Passagenwerk" über die Stadt Paris voran. Schlögel macht sich dies zu eigen, hat aber doch eine Menge zu sagen. "Das sowjetische Jahrhundert" ist ein überaus reiches Buch – reich an Material, reich an Gedanken. Es vereint in sich Miniaturen, welche die Lebenswelt der sowjetischen Zivilisation erhellen.

Wo aber anfangen, wo aufhören, wenn doch alles in Betracht kommt? Schlögels Kriterium ist, dass er über die Orte und Gegenstände schreibt, die er selbst gesehen hat. Zum ersten Mal hatte er als Student das Land bereist. Das war im Jahr 1966 – damals noch mit Zügen, Schiffen und per Anhalter. Das Buch könnte also auch heißen: "Meine Sowjetunion – Erinnerung an eine untergegangene Welt." Das mag strengen Wissenschaftlern missfallen, dem Lesevergnügen und den Lerneffekten ist ein solch subjektives Organisationsprinzip keinesfalls abträglich, denn die Leserin kann sich mit Schlögels Landkarte in der Hand durchaus selbstständig bewegen, sie wird nicht belehrt, wenn er sich eher labyrinthisch als linear durch die Zeit und den Raum, gepflastert mit Geschichten und Schicksalen bewegt.

In diesem Buch werden keine chronologischen Geschichten erzählt mit Personen und Ereignissen, Handlungen und ihre Wirkungen, es werden keine Strukturen analysiert, sondern der Autor schnüffelt an den Dingen, er fasst sie an, macht sie wahrnehmbar und verbreitet eine Stimmung wie einst Marcel Proust in seiner "Suche nach der verlorenen Zeit".

Schlögel hat dabei trotz des kulturgeschichtlichen Zugangs kein Bilderbuch vorgelegt. Die Topographie des sowjetischen Terrors wird nicht ausgeklammert, im Gegenteil. Den Zwangsmaßnahmen, der Rücksichtslosigkeit und dem Gleichschaltungswahn sind zentrale Kapitel gewidmet. Der Autor schildert die eisige Kälte von Kolyma, wo in den Lagern die Häftlinge an einer tödlichen Mischung aus Stalinismus und sibirischem Klima zugrunde gingen. Und er hat die Klosterinseln besucht, den Geburtsort des Gulagsystems. Es ist daher symptomatisch, dass der Autor am Ende seiner eigenen Ausstellung vorschlägt, die Lubjanka, also den Sitz der Geheimdienste des roten Terrors, zu einem Museum der Sowjetzivilisation umzuwandeln.

Eine andere Gewaltgeschichte fehlt freilich: die des deutschen Vernichtungskrieges zwischen 1941 und 1944. Karl Schlögels Vater hatte als Wehrmachtsoldat an der Ostfront gekämpft. Der Autor bekennt freimütig, dass er vor diesem Thema zurückgeschreckt ist, weil er fühlt, ihm nicht gewachsen zu sein.

Das 20. Jahrhundert war nicht allein ein amerikanisches Jahrhundert, sondern nach der Oktoberrevolution 1917, den "zehn Tagen, die die Welt erschütterten", zeitweilig auch ein sowjetisches, vor allem als Gegenmodell zum Kapitalismus. 1991 aber löste die Sowjetunion sich eher mit einem Winseln als mit einem Knall auf und landete unrühmlich auf dem Müllhaufen der Geschichte. Nun scheint die Zeit der Lumpensammler und der Trödelmärkte gekommen.

Karl Schlögel: Das sowjetische Jahrhundert – Archäologie einer untergegangenen Welt. C. H. Beck Verlag, München 2017. 912 Seiten, 38 Euro.

Autor: Jörg Später