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10. Oktober 2017

Sein, Werden, Gewordensein

Die Graphic Novel "Otto" des französischen Comiczeichners Marc-Antoine Mathieu erzählt von einem Mann auf der Sinnsuche.

  1. Otto hat sich ein Loft am Rande einer Stadt gemietet Foto: repro: Marc-Antoine Mathieu

"Otto begriff, dass er sich soeben selbst geerbt hatte." Seine Eltern haben ihm ein Haus hinterlassen, in dem eine Truhe steht. Die steckt voll mit Ottos früher Kindheit: Hefte, Notizen, Zeichnungen, Fotografien, Audio- und Filmdokumente. Nicht eine Sekunde von Ottos ersten sieben Jahren fehlt. Seit seiner Zeugung, erklärt ein Begleitbrief, haben die Eltern alles festgehalten "so lückenlos und objektiv wie möglich". Glücksfall oder Bürde? Eine Chance, sich besser kennen zu lernen oder sich zu verlieren? Otto, der Performancekünstler, zaudert.

Selbstverständlich wird die Hauptfigur in Marc-Antoine Mathieus raffinierter Graphic Novel "Otto" die Truhe öffnen. Die Erbschaft überkommt ihn allerdings, als er eine Schaffens- und Identitätskrise durchleidet. "Seit zwanzig Jahren hatte Otto rund um das, was die Fachleute ,Metaphysik der Spiegelung nannten’, ein reiches und faszinierendes Werk erschaffen", schreibt Mathieu. In Performances wie "Spiegelecho", "Das Reelle-Ideelle" und "Seelenspiegel" hat Otto seinen Körper mit Spiegeln in Szene gesetzt. Lebende, flüchtige Bilder über "das Geheimnis und die Unerbittlichkeit des Seins". Am Ende einer Darbietung erfasst ihn plötzlich große Leere. Es fühlt sich an, als sei jede seiner Spiegelungen reine Illusion gewesen, seine Kunst eine lange Sackgasse. "Der einzige mögliche Ausweg aus dieser Lähmung war: der Bruch."

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Otto steht am inneren Abgrund, als die Truhe ins Geschehen eintritt. Sie enthält die ungeschönte Wahrheit, nicht das selbst gezimmerte Bild ihrer Persönlichkeit, mit dem sich Erwachsene beschwichtigen. "Das Leben entfernt uns von uns selbst", meint Otto. Er entscheidet, sich seiner Vergangenheit zu stellen. Jahre werden darüber vergehen. Otto zieht sich zurück aus der Öffentlichkeit und Gegenwart. Er durchwandert Erkenntnisstufen als "Psychonaut auf Reisen". Er meint zu erkennen, "Größtenteils aus Vergessen" zu bestehen, dass sein Wesen durchsichtiger werde und er dabei sei, sich selbst zu verlieren. Irgendwann scheint schließlich möglich, was unmöglich schien: "Er konnte zugleich sein und gewesen sein."

Sein, Werden, Gewordensein – damit treibt Extremkünstler Mathieu auch grafisch ein begeisterndes Spiel. Wie meistens zeichnet er starre Momentaufnahmen in Schwarzweiß. Sie öffnen Tiefen, Räume und weite Dimensionen aus geometrischen oder biologischen Formen. Unmögliche Flächen verbinden sich, wiederholen sich, lösen sich auf. Nebenher laufen bedeutungsschwangere philosophische Texte. Mathieu hat schon eine drei Sekunden dauernde Zoomfahrt zum Comic gemacht. In "Richtung" folgt ein Mann fortwährend Pfeilen durch eine labyrinthische Welt. Derart streng folgt "Otto" keinem Konzept. Vieles hier ist Spiegelung – des Selbst, der Seele, der Form... Gegen Ende findet Otto etwas Versöhnung. Da hat er alle Spiegel ringsherum schon so lange verbannt, dass er sich nicht mehr an sein eigenes Gesicht erinnern kann.

Marc-Antoine Mathieu: Otto. Aus dem Französischen von Norma Cassau. Reprodukt Verlag, Berlin 2017. 88 Seiten, 20 Euro; Kartografie der Träume: Die Kunst des Marc-Antoine Mathieu. Museum Angewandte Kunst, Schaumainkai 17, Frankfurt, bis 15. Oktober.

Autor: Jürgen Schickinger