Sachbuch

Tübinger Philosoph Otfried Höffe verfasst eine breit angelegte „Kritik der Freiheit“

Ulrich Rose

Von Ulrich Rose

Mi, 01. Juli 2015

Literatur & Vorträge

Der Preis der vielen Möglichkeiten

Freiheit – wenn die Sprache darauf kommt, wird die Tonlage schnell hochgestimmt, pathetisch: napoleonische Freiheitskriege, Eugène Delacroix’ Gemälde "Die Freiheit führt das Volk", das Arbeiterlied "Brüder, zur Sonne, zur Freiheit" und solche Sachen. Und immer eingewoben ist, natürlich, ein langer, starker Strang abendländischer Geistes- und Politikgeschichte.

Otfried Höffe, lange Jahre Professor für Politische Philosophie in Tübingen, hat in einer "Kritik der Freiheit" dieses mächtige Thema aufgegriffen. Der Titel verweist unübersehbar auf Kant, auf dessen Kritiken und auf das, was Höffe mit diesem Buch will: das Thema ausleuchten, die Grenzen und Widersprüche der Freiheit bestimmen, vor allem aber ihren Wert verdeutlichen. Höffes "Kritik der Freiheit" ist eine große Verteidigung der Freiheit gegen ihre Verächter, oft genug auch gegen ihre anmaßenden Verteidiger. Und es ist der Versuch, gegen einen auf den politischen Hund gekommenen Partei-Liberalismus einen, wie der Autor es nennt, "aufgeklärten Liberalismus" zu retten. Für einen solchen plädierte Höffe auch im vergangenen Herbst als Redner der dritten Lord Ralf Dahrendorf Lecture in Freiburg, die von der BZ mitveranstaltet wird.

Die Freiheit ist für Höffe von konstitutiver Bedeutung sowohl für den Menschen generell wie für die Moderne im Besonderen. Autoritäten wie Staat oder Kirche in windungsreichen Kämpfen abgetrotzt, befreit sie den Menschen von Bevormundung und vom Zwang, zu tun, was er nicht tun will. Diesen umfassenden "Grundbegriff der Moderne" handelt Höffe in fünf großen, schon für sich mächtigen Kapiteln ab: Freiheit von Naturzwängen; Freiheit in Wirtschaft und Gesellschaft; Wissenschaft und Kunst; Politische Freiheit; Personale Freiheit. Da wird der Horizont weit gespannt. Und immer zeigt sich die Freiheit als ein facettenreiches, spannungsgeladenes Phänomen voller Widersprüche. Wer meint, Freiheit, das sei doch etwas Eindeutiges, Klares, wird schnell eines Besseren belehrt. Beispiel Kunstfreiheit: Was im Grundgesetz Artikel 5 verankert ist, ist deshalb nicht unstrittig. "Was früher als unsittlich oder majestätsbeleidigend verworfen wurde", schreibt Höffe, "ist heute vielerorts zulässig. Blasphemische Bilder und Texte müssen sich fromme Menschen, zumal Christen, gefallen lassen, während es gegen Muslime gefährlich sein kann."

In dem Terroranschlag auf das französische Satiremagazin Charlie Hebdo ist diese Gefahr Wirklichkeit geworden. Höffe verteidigt, selbstverständlich, entschieden die Kunstfreiheit, tritt ein für Offenheit, Pluralismus und Toleranz. Zu Recht. Zu fragen wäre aber – und diese Frage stellt Höffe im konkreten Fall der Kunstfreiheit leider nicht –, ob denn die exzessive Ausübung eines Freiheits-Rechts immer klug ist?

Das Thema Freiheit steckt voller Paradoxien und Zielkonflikte. Beispiele finden sich zuhauf: Sicherheitsverlangen und Datenschutz, Ökologie und Ökonomie, freier Handel und entfesselter Finanzkapitalismus. Wo die Grenzen verlaufen, kann nur jeweils und immer wieder neu ausgehandelt werden, Patentrezepte gibt es nicht.

Beispiel Internet: Da gibt es die grenzenlose Datengier einer NSA, daneben den "elektronischen Exhibitionismus" in sozialen Netzwerken und nicht zuletzt den verschwiegenen Zusatzpreis beim E-Commerce, "die Enthüllung persönlicher Daten". Es sind nicht mehr alleine finstere Geheimpolizisten oder fanatische Dschihadisten, die bürgerliche Freiheiten bedrohen, es ist, so Höffe, auch die alltägliche "Tyrannei der Algorithmen".

Die errungenen Freiheiten haben – westliche – Gesellschaften offener gemacht, pluralistischer. Sie erschließen Menschen mehr Handlungsmöglichkeiten. Aber Freiheit hat ihren Preis. Da ist einmal, wie Höffe es nennt, der "Zwang zur Wahl" im Kleinen wie im Großen, die Notwendigkeit, sich für ein bestimmtes Restaurant am Abend entscheiden zu müssen, für ein bestimmtes Handy, ein bestimmtes Auto, einen bestimmten Menschen als Ehepartner. Darin steckt eine eigene Anstrengung. Und es gibt noch einen zweiten, größeren Preis: Dass der Mensch als freier Mensch "zum Missbrauch bis hin zur radikalen Perversion der Freiheit, zum Bösen, fähig ist". Eine erfahrungsgerechte Freiheitstheorie, so der Autor, muss anerkennen, dass es eine missbrauchsfreie Freiheit nicht gibt.

Otfried Höffe hat seine "Kritik der Freiheit", dieses zum Pathos einladende Thema, wunderbar unaufgeregt abgehandelt, klug, weit ausholend. Alleine die schiere, schwer zu bewältigende Menge an Stoff, an Aspekten und Facetten, an glänzenden Vorderseiten der Freiheit wie an ihren Kehrseiten, nötigt dem Leser Respekt ab. Doch die 380 Seiten sind ein geistiger, vor allem philosophiehistorischer Gipfelgang, auf dem vor lauter Weite des Horizonts das Nahe, das Konkrete gar nicht mehr in den Blick kommt. Das ist schade. Denn letztlich muss die Freiheit am Konkreten sich bewähren.
– Otfried Höffe: Kritik der Freiheit. Das Grundproblem der Moderne. Verlag C.H. Beck, München 2015. 398 Seiten, 29,95 Euro.