Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

26. Februar 2016

Überall Ängste und Existenzsorgen

BUCH IN DER DISKUSSION:Der israelische Autor Nir Baram hat sich unter Israelis und Palästinensern im Westjordanland umgehört.

Kann man überhaupt noch einen neuen Blick auf den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern werfen? Es ist doch längst alles gesagt. Die Positionen wirken wie in Stein gemeißelt. Aber sie zeigen mehr und mehr Risse. Nir Baram hat sich die Aufgabe gestellt, sie an der Praxis zu messen. Zu diesem Zweck hat sich der israelische Schriftsteller ein Jahr lang an den neuralgischen Punkten umgeschaut, unter jüdischen Siedlern im Westjordanland und deren unfreiwilligen, palästinensischen Nachbarn.

"Im Land der Verzweiflung" heißt das Buch über seine Reise in die von Israel seit 1967 besetzten Gebiete, das jetzt auf Deutsch im Hanser-Verlag erschienen ist. Der Titel klingt aussichtsloser, als er gemeint ist. Nir Baram stellt seinen Gesprächspartnern die "Science-Fiction-Frage", die da lautet: Wie stellen Sie sich die Zukunft vor? "Welchen Staat wird es hier geben? Oder wie viele Staaten? Und wie werden sie aussehen?"

Die Antworten liefern Einblicke in eine Welt, die vielen im israelischen Kernland fremd ist. "Nach und nach habe ich verstanden", schreibt der in Tel Aviv lebende Baram im Prolog, "dass zwischen dem Israel, das ich kenne, und der Westbank nicht nur Checkpoints und Übergänge liegen (...) – sondern vor allem eine Bewusstseinssperre, die zusehends wächst." Die jungen Palästinenser waren nie in Israel, Juden sind für sie Siedler und Soldaten. Die meisten Israelis haben nie die sogenannte Grüne Linie hin zum Westjordanland überquert, erst recht nicht nach dem Bau der Trennmauer. Aber, so Baram: "Schwierig ist es eben, über eine Lösung zu sprechen, wenn man keine Ahnung hat, wie der Ort aussieht, über den man spricht."

Werbung


Baram hört auch jenen zu, "die ich immer als politische Feinde betrachtet hatte – Anhängern der Hamas etwa oder Bewohnern illegaler Siedlungsaußenposten". Er pendelt zwischen den getrennt lebenden, aber oft hart aufeinander stoßenden 2,5 Millionen Palästinensern und 400 000 israelischen Siedlern im Westjordanland. Er besucht auch die Slumviertel in Ost-Jerusalem und unternimmt einen Abstecher in einen Kibbuz am Rande des Gazastreifens. Überall trifft er auf Ängste und Existenzsorgen. Und er begreift nach und nach, wie er schreibt, "dass die uns bekannte Unterteilung in Befürworter und Gegners eines Friedens simplifizierend und wenig nützlich ist." Die Verhältnisse vor allem in der Westbank seien viel zu komplex, als dass sie eine eindeutige Antwort auf die Frage "Zwei Staaten – Ja oder Nein?" zuließen.

Baram begegnet den ihm fremden Gedankenwelten höchst unvoreingenommen. Das zeichnete auch seinen Roman "Gute Leute" aus, in dem der 39-jährige sich mit den Mitläufern in der Nazi-Zeit befasst hat. Doch die Recherche "Im Land der Verzweiflung" betrifft die Gegenwart und ihn unmittelbar.

Sein Motiv, einen Ausweg aus diesem Zwei-Völker-Konflikt zu finden, der beiden Seiten gerecht wird, zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch. Dass er sehr genau die Umgebung der unterschiedlichsten Westbank-Bewohner beschreibt, vom israelischen Siedlerführer bis zum palästinensischen Flüchtling, und ihre Ideen in ihren Worten wiedergibt, gerät streckenweise zwar etwas ermüdend. Aber es hilft, das Menschliche hinter der Ideologie zu sehen, ob man sie nun mag oder nicht.

Die bald fünfzig Jahre währende israelische Besatzung nennt er die "Dämonenzeit". Für die Palästinenser sei allerdings nicht erst 1967, "sondern der Krieg von 1948 der Ausgangspunkt jeder Debatte über den Konflikt". Einen Punkt, den das linke Friedenslager in Israel gerne ausblende. Vielleicht sei es gerade deshalb kein Zufall, so Baram, "dass die Verhandlungen zwischen beiden Seiten in den letzten Jahren regelmäßig wie ein Maskenball gewirkt haben".

Hinter den Kulissen, unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit, hat die Suche nach einem dritten Weg längst begonnen. An ihr beteiligen sich einige Siedler, denen an Koexistenz mit den Arabern von nebenan liegt, unkonventionelle Rabbiner, ja sogar palästinensische Ex-Gefangene. Letztere unterstützen wie ebenso Baram die Initiative "Eine Heimat – zwei Staaten". Ein Konzept, das auf durchlässigen Grenzen beruht. Egal, wie die Lösung aussehe, zieht Baram sein Fazit: "In einem gemeinsamen Staat, in zwei Staaten oder in einer Konföderation müssen Jude und Nichtjude in allen Belangen gleichgestellt sein." Das klingt nach schöner Utopie. Aber anders wird die "Dämonenzeit" nicht zu beenden sein.

Autor: Inge Günther