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07. November 2017

Unter Einsatz aller Register

FREIBURGER LITERATURGESPRÄCH II: Maren Kames und ihr kostbar ausgestattetes Gesamtkunstwerk "Halb Taube Halb Pfau".

  1. - Foto: Mathias Bothor

Zu den wirkungsmächtigsten Bildideen in der Kunst der Avantgarde gehört die Verehrung der Farbe Weiß als Inkarnation des Absoluten. Eins der berühmtesten Gedichte der modernen Poesie, das 1897 von Stéphane Mallarmé veröffentlichte Gedicht "Un coup de dés – Ein Würfelwurf", hat die Grundlage geschaffen für die Stilisierung des Weißen zum Wesensgrund des Dichterischen. Die freie Verteilung weniger Buchstaben und Wörter auf der Buchseite war ein unerhörtes Ereignis. Der Weißraum zwischen den spärlich gesetzten Wörtern wurde zum Bestandteil des Textes. Das Schweigen, die Leere sollte so eine eigene Stimme in der Textsymphonie bekommen.

Wenn 120 Jahre nach Mallarmé die Dichterin und Performerin Maren Kames einen nach allen Regeln der Buchkunst und ästhetischen Sensibilität gestalteten Gedichtband vorlegt, der dieses Verfahren aufgreift, darf man darin auch eine Huldigung an das avantgardistische Muster erkennen. Die 1984 in Überlingen geborene Autorin, die in Berlin lebt, dort 2013 den Open-Mike-Wettbewerb gewann und vor zwei Jahren bereits in Freiburg im Format "Zwischenmiete" gelesen hat, hat mit ihrem Debütbuch "Halb Taube Halb Pfau" die literarische Welt in Aufregung versetzt. Sie wurde Anfang 2017 erste Kooperationsstipendiatin des Literaturhauses Stuttgart und der Akademie Schloss Solitude und entwarf eine vielbeachtete Ausstellung in den Räumen des Stuttgarter Literaturhauses. Ende November wird sie mit dem Anna Seghers-Preis der Mainzer Akademie der Wissenschaften und Künste ausgezeichnet.

So nimmt es nicht wunder, dass sie in der FAZ zum "neuen deutschen Lyrikleitstern" ausgerufen wurde. Diese Nobilitierung verdankt sich der Fähigkeit der Autorin, mit Hilfe einer subtilen Klang- und Satzkombinatorik ihre Textfelder in einen suggestiven Bewusstseinsstrom zu verwandeln. Hinzu kommt die Auratisierung des Textes durch die bildkünstlerische Ausstattung. Das Weiß ist ein sakrales Kraftfeld, das die Sprachzeichen mit Erhabenheit auflädt. Auf der Hälfte der 150 Seiten ist das Weiß die Dominante, mitunter sind nur Satzfragmente darauf gestreut, die in diskreten Variationen wiederkehren. "Ich möchte etwas, das unter Einsatz aller Register zustande kommt": Dieser programmatische Kernsatz ruft die anderen Dimensionen der poetischen Fließbewegung auf. Auf einigen Seiten sind Videoclips mit Klangcollagen und Tanzszenen eingefügt, die über integrierte QR-Codes abrufbar sind.

"Halb Taube Halb Pfau" ist kein nur textuelles, sondern auch ein akustisches und haptisches Gesamtkunstwerk. Die poetische Aura wird verstärkt durch das silbergrau schimmernde Moiré des Leineneinbands, eine Kostbarkeitsanmutung, die in der Lyrikszene unüblich ist. Das eher schmale Bild- und Motivrepertoire ist dagegen selten thematisiert worden. Ein Ich, das wechselnde Gestalten annimmt, tastet sich in Landschaften des Bewusstseins hinein. Erinnerungsstoff, Phantasien von Liebesakten, Kindheitsbilder, sinnliche Wahrnehmungen und Sprachfaszinationen fließen ineinander. "Zu gleichen Teilen", heißt es, "bin ich der Landschaft ausgesetzt wie die Landschaft mir. Ich bin dem Weiß überlassen, wie das Weiß mir überlassen ist." Am kunstvollsten arbeitet der Text in der Eingangssequenz, die vom magischen Naturbild der "Haubentaucher an den Gestaden" ausgeht und assoziativ eine verschlungene Motivkette mit dem Doppellaut "au" bildet. Hieraus formieren sich die Leitmetaphern des Gedichts, die von der "halbtauben Haut" zum Titel führt, dem Hybrid "Halb Taube Halb Pfau".

An einigen Stellen erscheint der poetische Minimalismus als Ausrede für Simplizität: "Du detonierst zu einer Präposition / für und wider nichts / und wieder nichts im Haus/ außer Chips". Immer wieder stößt man aber auch auf trancehaft gestaltete Sätze, die das schreibende Ich in einen Schwebezustand versetzen: "Während zwei Gestalten in der Dämmerung ein Feld kreuzen, in einer scheinbar zielstrebigen Diagonale, sehen Sie das weite Gebiet, das halbgare Licht über dem Feld, und womit es bestellt ist, sieht man nicht. Sehen Sie die Unbestimmtheit der Wälder und Anhöhen im Gebiet, der halbrunden Kuppen der Straßen, das Zittern, die Umrisse, das Torkeln." Im blendenden Weiß dieser Landschaft der Unbestimmtheit darf sich der Leser verlieren – ein Abenteuer poetischer Entgrenzung, das in buchkünstlerischer Hinsicht Schule machen sollte.

Maren Kames: Halb Taube Halb Pfau. Secession Verlag, Zürich 2016. 150 Seiten, 35 Euro. Die Autorin richtet beim Literaturgespräch Freiburg gemeinsam mit Denise Winter die Ausstellung "Poesie im Raum" ein. Vernissage: 10. November, 17 Uhr.

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Autor: Michael Braun