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23. April 2016

"Wegbegleiter in die Abgründe der Seele"

BZ-INTERVIEW mit dem Übersetzer Frank Günther zum 400. Todestag des Dichters William Shakespeare.

  1. Sein oder Nichtsein: Shakespeare bei Madame Tussaud; Originalausgabe der „Sonette“ (u.) Foto: dpa/bz/privat

  2. - Foto: privat

Er wurde vor 451 Jahren in der englischen Kleinstadt Stratford-upon-Avon geboren und starb dortselbst heute vor 400 Jahren. Dazwischen liegen produktive Jahre als Autor von insgesamt 37 Theaterstücken und unvergleichlichen Sonetten, als Schauspieler und Theaterleiter. Über den alle anderen überstrahlenden Dramatiker William Shakespeare sprach Bettina Schulte mit dem Übersetzer Frank Günther.


BZ:
Herr Günther, zwischen Shakespeare und uns liegen mehr als 400 Jahre. Seine Dramen sind in einen historischen Kontext eingebettet, der uns fremd ist. Woher rührt die anhaltende Faszination seines Werkes?
Günther: Dafür kriegen Sie so viele Antworten, wie Sie Leute fragen. Es ist ein Paradoxon, das sich der einfachen Erklärung entzieht. Zur damaligen Zeit sind die Dichter kompanieweise angetreten und haben Stücke geschrieben. Davon überlebt hat nur einer: Shakespeare. Meine Theorie lautet: Er hat sich nicht auf seine Zeit eingelassen, wie das Ben Johnson oder Middleton gemacht haben. Deswegen bleibt uns erspart, uns mit seltsamen Problemen zu beschäftigen, die nicht mehr die unseren sind. Shakespeare hat sich dafür interessiert, was Menschen dazu bringt, dass sie zum Engel oder zum Teufel werden. Diese Mechanismen, die dieser große Seelenalchimist beschrieben hat, haben die Oberflächenveränderungen der Zeiten nicht sehr verändert. Wir können uns in ihnen wiedererkennen.

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BZ: Wenn jemand im deutschen Sprachraum mit diesem Werk vertraut ist, dann Sie. Sie haben in den 70er Jahren angefangen, seine Stücke zu übersetzen und werden in diesem Jahr der bisher Einzige sein, der alle 37 Dramen übertragen hat. Welches Bild des Dichters hat sich bei Ihnen durch Ihre Übersetzungsarbeit herauskristallisiert?
Günther: Gar keins. Shakespeare existiert nicht. Shakespeare ist eine Phantasie der Menschen. Man kann versuchen, sich Shakespeare zusammenzudichten und zusammenzuphantasieren, wie man will. Die einen halten ihn für einen erzkonservativen Knochen, die anderen für einen Revolutionär. Shakespeare ist das Phänomen eines Autors, der als Person keine Spuren in seinen Werken hinterlassen hat. Sie geben keine Hinweise auf seine Person. Er hat Figuren aufeinander prallen lassen und sich in erhabener Standpunktlosigkeit selber nie gezeigt.

BZ:
Vielleicht ist das ja auch ein Grund für seine Präsenz: Dass er sich nicht Standpunkten verstiegen hat.
Günther: Man muss sich mit den Fragen beschäftigen, die seine Stücke aufwerfen. Keine Lösungen mit dem spitzen ö, wie man sie heute so dringend braucht. Überall müssen Lööösungen sein. Shakespeare hat keinerlei Lösung zur Eurokrise, zur EU-Krise, zur Griechenland-Krise, zur Migrations-Krise, zu keiner Art von Krisen. Was einen heute zu dem bringt, was er tut, ist ein solches Rätsel wie vor 400 Jahren. Deshalb spekulieren wir darüber wie vor 400 Jahren. Shakespeares Geschichten sind Wegbegleiter in die Abgründe der Seele.
BZ: Shakespeare zu übersetzen ist eine große Herausforderung, da kaum ein anderer Schriftsteller über einen größeren Wortschatz verfügt. Ihre Übersetzungen gelten als die spielbarsten, weswegen sich viele Theater für Ihre Übertragungen entscheiden. Wie gehen Sie beim Übersetzen vor?
Günther: Es ist ein Gerücht, dass Shakespeare einen so wahnsinnig großen Wortschatz hatte. Das ist eine der beliebten Mythen, die sich um ihn ranken. Ein heutiger John Smith oder Jack Miller in England hat dank 400 Jahren Technologie und Geschichte einen Wortschatz von 60 000 bis 70 000 Wörtern, fast dreimal so viel wie Shakespeare. Aber auch verglichen mit den Autoren seiner Zeit liegt Shakespeare nur im guten Mittelfeld. Aber es ist eben wie beim Beton: Es kommt drauf an, was man draus macht.

BZ:
Und was macht er daraus? Und was Sie als Übersetzer?
Günther: Shakespeare war ein sehr formbewusster Autor. Literarische Formen aber altern leicht und schnell. Wenn zwischen Romeo und Julia der Blitz der Liebe einschlägt, dichten sie gemeinsam ein Sonett. Heute ist es relativ selten, dass sich jüngere Menschen in der Diskothek mit Sonetten betören. Dazu kommt, dass das, was sie da treiben, von Shakespeare nicht ernst genommen wird. Er zitiert bösartig die Mode der Jeunesse dorée um 1595 in London, als der Petrarkismus in England aufschlug und die Verehrer ihrer Dame keinen Blumenstrauß zu Füßen legten, sondern ein selbstgefertigtes schreckliches Sonett. Romeo ist am Anfang ein 08/15-Stenz, der den Verhaltensmustern seiner Generation folgt. Da ist nicht nur eine alte Form in eine heutige Sprache zu übersetzen, sondern auch anzudeuten, dass diese Form der Ironie preisgegeben wurde.

BZ:
Und wie halten Sie’s mit dem Blankvers?
Günther: Für mich ist der Blankvers eine wunderbare Form der gebundenen Sprache, flexibel, leicht, anschmiegsam, der sie auf einen höheren Atem legt, ohne dass es deswegen klingen muss wie: Oh reiche den Revolver mir. Den Blankvers bei Shakespeare wegzulassen, ist, als wenn man einen Walzer ohne Dreivierteltakt spielen wollte. Ich versuche, die normal fließende Sprache über das Metrum zu legen und damit diesen Atem zu bewahren.

BZ:
Wie ist es mit den alten Ausdrücken?
Günther: Ich verwende sehr viel umgangssprachliche deutsche Redensarten. Ich habe mal einen älteren Herrn einen jungen Schnösel als Rotzlöffel bezeichnen lassen und bekam Ärger, weil es Slang von heute sei. Da musste ich den Betreffenden korrigieren, weil Rotzlöffel die Lieblingsvokabel ist, mit der Martin Luther seine katholischen Gegner bedachte. Wenn wir schon bei Luther sind: Aus dem Überfluss des Herzens redet der Mund – so redet kein Mensch. Ein Mensch von deutscher Mundart sagt: Wem das Herz voll ist, dem geht der Mund über. So hat Luther die Bibel übersetzt und so versuche ich, Shakespeare zu übersetzten.

BZ:
Das bedeutet, dass es darauf ankommt, nicht verkünstelt zu sein?
Günther: Im Theaterjargon wäre es eine Sprache, die direkt sprechbar ist. Aber das kann man auch wieder nicht so sagen, weil Shakespeares Sprache nicht in einem Duktus ist.

BZ:
Wie würden Sie seine Sprache charakterisieren?
Günther: Er hat ein Konzert der Sprache verfasst. Für jeden Klassenstandpunkt, jeden Soziolekt, jeden Idiolekt und Berufsjargon hatte er einen eigenen Gestus bereit. Er hatte von obszönstem Maul-, Huren- und Gossen-gefärbtem bis zum höfischen Geplauder alles auf der Palette. Entsprechend bemühe ich mich, von der Verhackstückung der deutschen Sprache, Schweinigeleien, dass es kracht, bis zu preziösen langatmigen Sätzen alles zu machen, was die deutsche Sprache hergibt.

BZ:
Sie haben im vergangenen Jahr zum 450. Geburtstag ein Band mit dem Titel "Unser Shakespeare" herausgegeben. Wer ist denn unser Shakespeare?
Günther: "Unser Shakespeare" handelt unter anderem von der Eingemeindung Shakespeares als dritter deutscher Klassiker neben Goethe und Schiller. Die deutsche Literaturgeschichte hat ihn zum Deutschen gemacht – weil wir Deutschen Shakespeare schon immer besser verstanden haben als die Engländer. Grotesk.

BZ:
Wie kam es, dass sich gerade die Deutschen mit Shakespeare identifiziert haben?
Günther: Er wurde im richtigen Augenblick entdeckt. Im 18. Jahrhundert richtete sich ein zunehmend emanzipiertes Bürgertum gegen die Orientierung des deutschen Adels an Versailles. Die Bürger wollten, wenn sie schon keine Nation waren, wenigsten ein Nationaltheater. Das war auch die Forderung von Lessing, der fand, der wesentlich deutschere Autor als all die französischen sei ein merkwürdigerweise völlig Unbekannter: Shakespeare, den keiner lesen konnte, weil nur die wenigsten englisch sprachen. Lessing schwärmte von diesem komischen Wilden, der Könige und Bettler in ein und derselben Szene im Dialog auftreten ließ – undenkbar nach dem französischen Modell. So wurde Shakespeare zum neuen Helden des freiheitlichen Denkens und durch die Wielandsche Übersetzung erstmalig andeutungsweise ins Deutsche übertragen.

BZ:
Die Frage nach der wahren Autorschaft der Shakespeare-Texte geistert immer wieder durch die akademische Welt. Shakespeare könne das alles nicht geschrieben haben, er hatte nicht studiert, kam nicht vom Hofe. Interessiert Sie diese Frage?
Günther: Leute, die sich dem Ungeheuer vom Loch Ness beschäftigen, beschäftigen sich auch mit dieser Frage.

Frank Günther wurde 1947 in Freiburg geboren, studierte Anglistik, Germanistik und Theatergeschichte. Aus seiner Tätigkeit als Regisseur erwuchsen die ersten Shakespeare-Übersetzungen. Günther erhielt u. a. den Wieland-Preis und den Johann-Heinrich-Voß-Preis der Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung.

Autor: bs