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23. Februar 2016

Wer in eine kleinere Wohnung zieht, sollte Geld kriegen

BUCH IN DER DISKUSSION: Brauchen wir noch Neubauten? Daniel Fuhrhop stellt eine angebliche Notwendigkeit virtuos in Frage.

Der Titel ist natürlich Provokation. Und doch liest sich die "Streitschrift", als die das Buch angekündigt wird, über weite Strecken recht vernünftig. Wohltuend gar: In Zeiten, in denen die Nation nicht genug kriegen kann von neuen Häusern, in Zeiten, in denen Zweifel am Neubaubedarf fast schon als unanständig gelten, ist es an der Zeit einmal einen Schritt zurückzutreten und sich nüchtern die Sachlage zu betrachten.

Genau das tut Daniel Fuhrhop. Er hat Architektur und anschließend Betriebswirtschaft studiert, ist also durchaus vom Fach. Und auch das Schreiben ist ihm nicht fremd; 15 Jahre lang war er Architekturverleger. Als solcher publizierte er vor allem über Neubauten – und kam dabei irgendwann zu dem Schluss, dass es in Deutschland ausreichend Immobilien gibt. Man müsse nur die vorhandenen Gebäude besser nutzen.

Deshalb stellt er nun entsprechende Konzepte vor. Klar, Vorschläge wie der, leerstehende Büroräume zu Wohnungen umzubauen, sind nicht neu. Auch die Einliegerwohnung, die geschaffen wird, wenn die Kinder aus dem Haus sind, ist in Tourismusgebieten längst gelebte Praxis. Aber Fuhrhop hat noch mehr auf Lager, was er in seinen "50 Werkzeugen, die Neubau überflüssig machen" darstellt.

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Eines davon ist die Förderung von Umzügen – etwa durch einen Zuschuss für jeden Quadratmeter, um den die neue Wohnung kleiner ist. Dabei betrachtet der Autor das Thema ganz ökonomisch: Bewohnt jemand 100 Quadratmeter, obwohl er nur 70 braucht, kommen durch einen Umzug 30 Quadratmeter an zusätzlichem Wohnraum auf den Markt. Wollte man diesen neu bauen, würde er im Mittel 60 000 Euro kosten. Da ist der Umzug deutlich billiger.

Es ist die kompromisslos pragmatische Herangehensweise, die das Buch lesenswert macht. Manche Fakten sind selbstredend: Binnen 15 Jahren wurden die Verkaufsflächen des Einzelhandels in Deutschland bei stagnierenden Umsätzen um 30 Prozent aufgestockt. Wohin das führen wird, kann man sich denken. Im Wohnungsbau beschreibt Fuhrhop ähnliche Entwicklungen, selbst in schrumpfenden Städten werde noch neu gebaut. Die "Bauwut" in Deutschland, davon ist Fuhrhop überzeugt, sei eben nicht durch den Bedarf getrieben, sondern werde zu großen Teilen durch die Kapitalströme verursacht. Schlicht, weil Immobilien in Deutschland bei Investoren derzeit als attraktiv gelten.

Die Vielfalt der Aspekte macht die Lektüre des Buches kurzweilig, denn das Thema hat kulturelle und soziale Facetten, ebenso wie ökologische und ökonomische. Der Autor beklagt, dass mit dem Abriss oft historische Bausubstanz vernichtet wird und plädiert für mehr Sanierungen. Er kritisiert die fortschreitende Zersiedelung des Landes durch Neubaugebiete. Er moniert, dass Großmärkte und Lagerhallen des Onlinehandels nicht nur die Landschaft verschandeln und Verkehr produzieren, sondern auch noch den fußläufigen Handel in den Stadtzentren ruinieren. Sein Fazit ist ein "Bauverbot für Logistikimmobilien".

Für viele seiner Ansätze benennt er auch erste Beispiele aus dem realen Leben. Etwa Kommunen, die Leerstand aktiv vermarkten. Oder Projekte, die unter dem Stichwort "Wohnen für Hilfe" laufen: Junge Leute wohnen bei älteren Menschen und leisten einen Teil der Miete etwa durch Einkäufe ab.

An einzelnen Stellen ist das Buch aber auch reichlich schräg. Weil in Duisburg 14 000 Wohnungen leerstehen, in Düsseldorf zugleich Mangel herrscht, macht der Autor den kreativen Vorschlag, man könne doch Duisburg umbenennen in Düsseldorf-Nord – denn damit werde die Lage attraktiver. Die Nachfrage nach Wohnraum nämlich, so seine Erkenntnis, hänge nicht nur an objektiven Faktoren, sondern auch am Image.

Fuhrhop mag das Augenzwinkern. Er schlägt vor, den Boom im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg durch "uncoole Musikfestivals" zu dämpfen, und für München Anti-Werbung zu schalten, die auf die Nachteile, wie etwa die hohen Mieten, hinweist. Das klingt absurd, doch der Autor will damit eine vernünftige Debatte lostreten: Warum müssen Boomstädte weiterhin Geld für Wirtschaftsförderung ausgeben, und damit volle Städte noch voller (und leere noch leerer) machen?

Am Ende muss man nicht jede der Ideen für praktikabel, nicht jeden Gedanken für gelungen halten. Und dennoch oder gerade deswegen ist es ein erfrischendes Buch – weil es eine angebliche Notwendigkeit virtuos in Frage stellt.

Autor: Bernward Janzing