Zeichnen, um zu protestieren

Dora Schöls

Von Dora Schöls

Di, 04. Dezember 2018

Literatur & Vorträge

Das Basler Cartoonmuseum zeigt eine Retrospektive des Comic-Künstlers Jacques Tardi.

Eine blonde Frau steht inmitten eines Schlachtfeldes, um sie herum Gewehre, Soldatenhelme, Stacheldraht. Zu ihren Füßen schwimmt rotes Blut, über ihr scheint der Himmel zu brennen. Die rechte Hand zur Faust geballt, in der linken eine Gitarre – so zeichnet der Comic-Großmeister Tardi seine Frau, die Sängerin Dominique Grange. Die Botschaft: mit Musik, mit jeglicher Form von Kunst, gegen Krieg, gegen Gewalt, gegen Ungerechtigkeiten. Er gehört zu den ganz Großen der Cartoonwelt: Den französischen Zeichner Jacques Tardi zeigt das Cartoonmuseum Basel in einer Retrospektive. Der 72-Jährige hat eine ganze Generation Zeichner geprägt. Bekannt geworden ist Tardi mit der Serie "Adeles ungewöhnliche Abenteuer": Als einer der ersten gab er in den 1970er Jahren einem Comic eine weibliche Heldin – die oft als Tardis Alter Ego gesehen wird.

Die Ausstellung in Basel folgt Themen. Adele wird ebenso ein Raum gewidmet wie Tardis Adaptionen. Besonders bekannt sind die Krimis von Léo Malet mit dem Pariser Privatdetektiv Nestor Burma. Tardi adaptiert auch die klassischen Romans noir von Jean-Patrick Manchette oder die dunklen Romane von Louis-Ferdinand Céline. Tardis sehr schwarze Bilder voller Verzweiflung und Einsamkeit erinnern stark an Kafka. Überhaupt dominieren in der Retrospektive Bilder, die sich mit dem Leid der Welt beschäftigen. Tardi zeigt menschliche und gesellschaftliche Abgründe und arbeitet mit Schwarz-weiß-Kontrasten genauso wie mit kräftigen Farben. Ein Kontrast besteht auch zwischen der klaren Ästhetik der Bilder und dem Grauen ihrer Themen. Der Meister hält den Betrachter seiner Zeichnungen oft in einer Schwebe zwischen Bewunderung für die Kunst und Schrecken in Anbetracht des Leidens.

Dies gilt auch für das am häufigsten vertretene Thema in Tardis Werk – Krieg, insbesondere der Erste Weltkrieg. Der Künstler zeichnet historische Szenen vom Kriegsbeginn in Paris, von Fronten und aus Schützengräben.

Diese Ausstellung arbeitet multimedial

Nicht nur die historischen Fakten sind akribisch recherchiert, auch die Details – Panzer, Gewehre, Uniformen – erscheinen so real wie auf Fotos. Im Fokus stehen die Menschen, Soldaten und Frauen, die unter dem Krieg leiden. "Es geht ihm immer um den kleinen Mann", sagt Anette Gehrig, Kuratorin des Museums.

Auch der Zweite Weltkrieg spielt für Tardi eine wichtige Rolle. Dieser Teil der Ausstellung ist der persönlichste, denn hier zeichnet sich der 1946 geborene Künstler selbst in seine Geschichte hinein. Sein kindliches Alter Ego steht an der Seite des Vaters während dessen Zeit als Kriegsgefangener. Das Elend der Gefangenschaft wird mit positiven Vater-Sohn-Momenten kontrastiert. Die Ausstellung zeigt auch unveröffentlichte Originalseiten aus einem neuen Band. Die historischen Bezüge sind nicht nur deshalb aktuell, weil sich das Ende des Ersten Weltkriegs zum 100. Mal jährte. Kuratorin Gehrig verweist auch auf die politische Situation in Europa, auf immer lauter werdende Stimmen von rechts und die Isolierung von Nationalstaaten, die es auch im Vorfeld des Ersten Weltkriegs gab. Tardi setzt sich auch mit anderen politischen Themen auseinander und nimmt eine klare Haltung ein.

Menschenrechte, Massenarbeitslosigkeit, der Nahostkonflikt kommen ebenso vor wie die Pinochet-Diktatur in Chile oder die kirchliche Haltung zu Verhütung. Tardi nutzt seine Kunst, um zu protestieren. Seine Zeichnungen werden im Cartoonmuseum medial ergänzt: Über sind Chansons von Dominique Grange zu hören. Mit der Musik im Ohr und Texten wie "N’effacez pas nos traces", "Verwischt nicht unsere Spuren" – die der 68er Bewegung –, wirken Tardis kämpferische Zeichnungen auch auf anderer Ebene. Überhaupt arbeitet die Ausstellung multimedial: mit Musik, aber auch mit Szenen aus einem Animationsfilm, zu dem Tardi die Figuren entworfen hat. Die Ausstellung mit mehr als 200 Originalzeichnungen ist so umfangreich, so detailverliebt, so vielfältig wie Tardis Werk selbst.

Cartoonmuseum Basel, St. Alban-Vorstadt 28. Bis 24. März, Di bis So 11 bis 17 Uhr.