Was Steine erzählen

Christa Maier

Von Christa Maier

Mo, 10. September 2018

Löffingen

Geologie zum Anfassen: 150 Interessierte haben in der Kiesgrube Reiselfingen viel über den Kiesabbau erfahren.

LÖFFINGEN-REISELFINGEN. Kies und Sand gehören mengenmäßig zu den wichtigsten Rohstoffen des Landes. "Keine Baustelle ohne Kies oder Beton, kein Spielplatz ohne Sand." Reiselfingens Ortsvorsteher Martin Lauble weiß, wovon er spricht. Schließlich ist er Chef eines Dorfs, das mit Kies nicht nur reich gesegnet, sondern davon auch stark geprägt ist. Doch wie kamen die Steine in die Kiesgrube? Wie lange ist der Kies noch vorrätig, wie wird er abgebaut? Fragen wie diesen gingen Experten in der Kiesgrube nach.

Rund 150 Interessierte, darunter viele Kinder, waren am Samstag der Einladung der Ortsverwaltung und des Orga-Teams des "800-Jahr-Feiermarathons" gefolgt, wie sich Juniorchef Oliver Mohr von der Firma Meichle und Mohr ausdrückte.

Um die Zusammenhänge zu verstehen, ging der aus Blumberg stammende Geologe Martin Fetscher weit zurück in die Erdgeschichte. Durch den Zusammenprall der Kontinente sei der Schwarzwald vor rund 300 Millionen Jahren entstanden. Auf dieselbe Weise bildeten sich die Alpen, allerdings "erst" vor 20 Millionen Jahren. Das älteste Gestein im Schwarzwald sei rund 400 Millionen Jahre alt, doch überwiegend finde man hier Gestein, das zwischen 350 und 250 Millionen Jahre alt sei. "Die Landschaft in Reiselfingen wurde durch die Eiszeit vor rund 25 000 Jahren geprägt", sagte Fetscher. "Damals gab es in Baden-Württemberg keine Bäume, nur Büsche und im Schwarzwald nur Gras und Schnee bis in den Sommer." Tiere, wie Mammuts, Bisons, Gazellen, Höhlenlöwen und Höhlenbären lebten in Herden. Den Menschen sei es zu kalt gewesen, diese hätten eher in Südfrankreich gelebt. Vor 10 000 bis 40 000 Jahren habe die Feldbergdonau, die damals ein reißender Gletscherfluss war, viel Steine nach Reiselfingen und in den ganzen Bonndorfer Graben gebracht. "Damals verband die Feldbergdonau noch Blumberg und Reiselfingen", erklärte er den ursprünglichen Verlauf mit Schautafeln. Die Wutachschlucht gab es damals noch nicht. Die Kieslage in Reiselfingen sei etwas Besonderes, da Kiesvorkommen meist in tiefer gelegenen Flussauen seien. Dass auf dem Berg abgebaut werden könne, sei eher selten.

Reiselfingen liege auf Gipskeuper, der durch das Grundwasser gelöst werde und zu Senkungen führe. Darauf konnte sich eine große Kieslagerschicht bilden. "Steine können nach dem Durchklopfen einiges erzählen." Von der Größe und Form der Kieselsteine lasse sich der Herkunftsbereich ablesen. So bezeugen die mittelmäßig gerundeten Steine, wie sie in Reiselfingen überwiegend vorhanden sind, von naher Herkunft mit viel Gletschermaterial. Der sehr kalkarme Kies in Reiselfingen ist dem Feldberggletscher zu verdanken, der in der letzten Eiszeit bis nach Lenzkirch reichte.

Auch die Landwirtschaft trieb erste Blüten in den Hochlagen, wo die Böden allerdings eher geringmächtig waren. Relativ fruchtbar waren die Muschelkalkböden, die sich von Reiselfingen nach Löffingen zogen.

Kies ist nicht
gleich Kies

"Die Quellen und der Karstwasserspiegel waren noch zuverlässiger als heute und auch das Wegenetz durch die Verbindung von Freiburg auf die Baar schon vorhanden", nannte Fetscher weitere, in der hiesigen Gegend vorhandene Besiedelungsvoraussetzungen.

Revierleiter Karl Meister ging auf die Entwicklung des Kiesabbaus ein, der sich aus kommunalen Sandgruben ab 1956 zu größeren Abbaubetrieben entwickelte. Während die Kiesgruben in Bachheim mit rund 37 Hektar (1954 bis 1985), Göschweiler mit knapp 12 Hektar (1954 bis 1983) und Unadingen mit rund 10 Hektar (1975 bis 1978) ausgebeutet und rekultiviert sind, wird die Kiesgrube in Reiselfingen demnächst wieder um 24 Hektar erweitert. Der Abbau sei somit die kommenden 20 bis 25 Jahre gesichert. Eine Bandstraße sowie ein neues Kieswerk sind vom Pächter, der Firma Meichle und Mohr, in Planung. Mit Bildern zeigte Meister, wie die Kiesgrube im Laufe der Jahre in Richtung Westen "wanderte".

Ein Highlight des Tages waren die Fahrten mit dem 34 Tonnen schweren Muldenkipper durch die 100 Hektar große Kiesgrube. Revierleiter Meister und Karlheinz Maier fütterten die jeweils 25 Passagiere mit viel Informationen rund um den Wald und den Kies. Dass Kies nicht gleich Kies ist, erläuterte Maier anhand der Korngrößenbezeichnungen, ob gewaschen oder ungewaschen, gebrochen oder ungebrochen. Es komme immer auf die Verwendung des Kieses oder Sandes an. "Damit machen wir Spezialsandmischungen für Golf- und Fußballplätze für die Schweiz", zeigte er auf einige Haufen unterschiedlichen Materials, darunter Ziegelmehl, Pflanzenkohle, Edelkompost und Schlemmsand vom Bodensee. 60 Prozent der Mischung stammt aus der Kiesgrube Reiselfingen, der Rest setzt sich aus anderen Komponenten zusammen. 10  000 Tonnen wurden bisher im Jahr 2018 für die Schweiz gemischt.

Festhalten hieß es, als der Muldenkipper die recht steile Abfahrt in die Abbaufläche hinunter nahm. Dort zeigte Maier auf eine eigens für die Besucher freigelegte Lehm-Keuper-Schicht, die das Ende des Abbaus aufzeigt. "Darunter ist nichts mehr zu holen", so Maier, der seit 18 Jahren in der Kiesgrube arbeitet. Mit Hammer und Brillen machten sich anschließend vorwiegend kleine Hobbygeologen dem Gestein in der Reiselfinger Kiesgrube auf die Spur und hämmerten mit Feuereifer auf den Steinen herum – in der Hoffnung, vielleicht noch einen versteinerten Fisch .

Für Verpflegung sorgten die Mitglieder der Segelfluggruppe, die parallel dazu ihr Flugplatzfest am Sonntag vorbereiteten.