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10. September 2014

Die Adresse von 10 000 Schweizern

Edgar Geiger erleichtert vor allem Eidgenossen mit seiner Paketsammelstelle mit deutscher Lieferadresse den Interneteinkauf.

  1. Paketservice für Schweizer Kunden: Edgar Geiger mit seiner Frau Claudia in der Lörracher Lagerhalle Foto: Matthias Maier

LÖRRACH. Einkäufe im Internet sind für viele Kunden bequem. Für Menschen, die in der Schweiz wohnen, bringt das Shoppen bei ausländischen Online-Händlern jedoch auch Schwierigkeiten mit sich – etwa zusätzliche Gebühren oder Verzögerungen durch die Lieferung in ein Nicht-EU-Land. Edgar Geiger kann in solchen Fällen Abhilfe schaffen: Er bietet seinen Kunden eine deutsche Lieferadresse, an die sie ihre Pakete senden lassen können.

Die Idee
In seinem Berufsleben als Selbstständiger hatte Edgar Geiger die meiste Zeit über mehrere Standbeine: Neben einer Computerschule betrieb er bis vor wenigen Jahren noch ein Transportunternehmen, das hauptsächlich für die Logistik eines Verlags zuständig war. Als dieser im Jahr 2011 die Zusammenarbeit aufkündigte, suchte Geiger nach einer neuen Einnahmequelle. Im Internet stieß er auf eine Frau, die in Konstanz einen Paketservice mit deutscher Lieferadresse anbot. Dieser richtete sich vor allem an Schweizer. Denn für sie ergeben sich bei Bestellungen bei Internet-Händlern im Ausland oft Schwierigkeiten: Manche Anbieter liefern grundsätzlich nicht in die Schweiz, andere berechnen erhöhte Bearbeitungsgebühren und Versandkosten. So kam Edgar Geiger der Gedanke, dass auch in Lörrach Bedarf für ein solches Angebot bestehen könnte.

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Das Konzept
Schnell begann der heute 64-Jährige, seinen neuen Service publik zu machen, richtete eine Homepage ein, schaltete Annoncen in Schweizer Zeitungen. Dort beschrieb er sein Angebot: Kunden können sich auf seiner Internetseite anmelden und danach bei Bestellungen im Internet die Adresse von Geigers Paketdepot in der Wallbrunnstraße 52 angeben. Dort wird die Ware – vom kleinen Päckchen bis zum 600-Kilo-Paket – entgegengenommen, ihre Ankunft verbucht. Automatisch wird eine Benachrichtigung per E-Mail an den Kunden versendet. Dieser kann seine Lieferung gegen eine festgesetzte Gebühr abholen oder bis zu vier Wochen in Geigers Lagerhalle deponieren. Dort warteten neben Kleidung und Unterhaltungselektronik auch schon mal Möbel, Autoteile, Motoren, Wärmepumpen und ganze Gartenhäuser, in Einzelteile zerlegt, auf Abholung.

Die Kundschaft
Edgar Geigers Gespür hat nicht getrogen. Seine Kundschaft, sagt er, umfasse mittlerweile rund 10 000 registrierte Nutzer, darunter Privatleute, aber auch viele Firmen. "99 Prozent davon sind Schweizer." Sie haben von dem Geschäftsmodell mehrfachen Nutzen: Einerseits können sie bei Online-Händlern bestellen, die nicht in die Schweiz liefern. Auch kommen manche eidgenössische Unternehmen über diesen Umweg an Ersatzteile, die in ihrem Land nicht erhältlich sind. Zweitens sparen die Kunden Geld. "Bei manchen Bestellungen für 30 Euro wird bei Lieferung in die Schweiz nochmal der selbe Betrag an Gebühren und Versandkosten fällig", erklärt Geiger. Der dritte Vorteil ist die Zeitersparnis. Durch die Abholung in Lörrach und anschließende selbstständige Verzollung kommen Kunden in der Regel schneller an ihre Waren, als wenn diese von den Lieferanten durch den Zoll gebracht werden müssten. Dafür nehmen manche von ihnen sogar Anfahrtszeiten von ein bis zwei Stunden aus der Innerschweiz in Kauf, berichtet Geiger.

Viele seiner Kunden würden das Abholen ihrer Pakete mit einem Besuch der Geschäfte in der Innenstadt verbinden. "Ich werde oft nach der Fußgängerzone, einem Schuhmacher oder Schlüsseldienst gefragt", erzählt Geiger, der sich sicher ist, dass der Lörracher Handel von ihm profitiert.

Die Arbeitsbelastung
Zwischen 150 und 200 Pakete kommen täglich in Geigers Depot an. Mit deren Annahme, Verbuchung und Aushändigung an die Kunden sind er und seine Frau Claudia täglich rund zwölf Stunden beschäftigt. Ihr Geschäft mal für zwei Wochen zu schließen, das können die Geigers sich nicht erlauben, da im Grunde ständig Lieferungen kommen.

Daher gehen der Firmegründer und seine Ehefrau nur getrennt in Urlaub. Zur Entlastung wurde im April eine Mitarbeiterin in Vollzeit eingestellt.

Die Aussichten
"Wir haben momentan nicht mehr so viele Neuanmeldungen wie noch vor einem halben Jahr", gesteht Geiger. Er hält es für möglich, dass der Markt für Paketshops mit deutschen Lieferadressen bald gesättigt ist. Angesichts der zahlreichen Konkurrenten, die es sowohl in Lörrach als auch in fast allen deutschen Städten entlang des Hochrheins gibt, wäre das nicht verwunderlich. Geiger weiß auch, dass seine Geschäftsgrundlage nicht in Zement gegossen ist: "Eines Tages könnten sich die Einfuhrbestimmungen in die Schweiz ändern." Dann wären seine Schweizer Kunden womöglich nicht mehr auf sein Angebot angewiesen.

Vorerst ist Geiger mit seinem Standort in der Lörracher Wallbrunnstraße jedoch hochzufrieden. Ein Investor habe ihm kürzlich einen guten Preis für sein Firmegelände geboten, doch Geiger lehnte ab. Er will demnächst seine Lagerfläche mit einem Anbau vergrößern und mit seiner Computerschule wieder verstärkt Kurse anbieten – und sich somit weiter mehrere Standbeine erhalten.

Autor: Matthias Maier