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19. Mai 2011
Er kommt zurück ohne Zorn
Rabbiner Max Selinger besucht seine Heimatstadt Lörrach gern – trotz allem Leid, das er erfuhr.
LÖRRACH. "Der Holocaust ist ein schwieriges Thema, weil er ans Herz beider Parteien geht", sagt der Rabbiner Max Selinger. Als sechzehnjähriger Lörracher Jude flüchtete er aus seiner Heimatstadt nach England, nachdem sein Vater am 10. November 1938 verhaftet und ins Konzentrationslager Dachau gebracht wurde. Heute lebt Max Selinger in den USA. Seit den frühen achtziger Jahren kommt er regelmäßig nach Lörrach, zuletzt zur Einweihung der neuen Synagoge im Jahr 2008. Jetzt besuchte er die Stadt für zwei Wochen privat.
Obwohl der 89-Jährige die Tage in der alten Heimat mit seiner jüngeren Schwester Janet Haas, die in Israel lebt, "incognito" verbringen wollte, suchte er mehrfach die hiesige jüdische Gemeinde auf. "Ohne Zorn", sagt Max Selinger, komme er zurück in die Stadt, in der an jenem 10. November nicht nur sein Vater verschwand, sondern auch die Synagoge von den Nationalsozialisten zerstört wurde. Max Selinger sucht den Dialog mit den Juden und den Nicht-Juden seines alten Heimatlandes und seiner alten Heimatstadt. Seit vielen Jahren steht er in Kontakt mit Wolfgang Fuhl, Oberratsvorsitzender der Israelitischen Religionsgemeinschaft in Baden und Vorstandsmitglied der Israelitischen Kultusgemeinde Lörrach. Und im Jahr 1988 etwa war Selinger zum Gedenken an die Pogromnacht 50 Jahre zuvor nach Lörrach gekommen, um an Gedenkveranstaltungen teilzunehmen und mit Lörracher Schülerinnen und Schülern über den Holocaust zu sprechen. Besonders freue er sich bei seinen Besuchen immer darauf, sagt Max Selinger, ein paar Tage die alemannische Sprache sprechen zu können – was er ohne erkennbaren amerikanischen Einschlag noch heute beherrscht.Werbung
Max Selingers Vater wurde zwar nach wenigen Wochen aus der "Schutzhaft" in Dachau entlassen und konnte nach dem Verkauf seiner Druckerei in der Teichstraße mit Frau und Tochter in die USA fliehen, doch veränderte der Tag im November 1938 das Leben des jungen Max Selinger völlig: Ein Freund fing den Schüler der Basler Gewerbeschule am Abend an der Grenze ab und schickte ihn im Auftrag von Selingers Mutter wieder nach Basel zurück, denn im Elternhaus in der Spitalstraße hätte man auch ihn verhaften können. Nachdem der Jugendliche einige Wochen bei Verwandten in Mulhouse untergekommen war, schickten ihn die Eltern nach England. Von dort flüchtete er weiter nach Kanada, wo er zunächst mit dem Nähen von Fischernetzen sein Geld verdiente, später aber Abitur machen und sogar studieren konnte.
Max Selinger war ein motivierter Student: Er promovierte in Geschichte und erhielt ein Stipendium der University of California. Doch was ihn ausfüllte, war zu diesem Zeitpunkt nicht mehr der Gedanke an eine wissenschaftliche Karriere, sondern der Wunsch, Rabbiner zu werden. Er begann ein Studium am Hebrew Union College in Cincinnati, dem ältesten Rabbinerseminar Amerikas, und trat nach vier Jahren seine erste Stelle als Rabbi in Maryland an. Zu dieser Zeit habe bei ihm, so der Vater einer Tochter, "eine langsame Annäherung an Deutschland" begonnen. Er hadere immer noch mit der Frage, wie im aufgeklärten 20. Jahrhundert staatlich angeordneter Massenmord möglich gewesen sei, doch sei er glücklich darüber, dass das jüdische Leben in Deutschland wiederbelebt würde. Nach vielen Jahrhunderten des Antisemitismus sei dies ein Schritt, wenigstens diesen größten Völkermord an den Juden aufzuarbeiten.
Die vor wenigen Wochen in Lörrach errichtete Stele zum Gedenken an die 52 deportierten Lörracher Juden habe ihn begeistert und erschüttert zugleich, sagt Selinger. Die eingearbeiteten Fotos von der Deportation auf dem Marktplatz seien eine sehr lebendige Form des Erinnerns – und die Erinnerung müsse erhalten werden, denn wenn man über die Geschichte hinweggehe, komme "nur Schlechtes" dabei heraus. Doch machten die Aufnahmen und vor allem die Namen der deportierten Juden, die er zu einem großen Teil kannte, die Erinnerungen für ihn derart lebendig, fährt Selinger fort, dass er die "schrecklichen Tatsachen der Vergangenheit" für einen Moment doch am liebsten vergessen würde.
Autor: Claudia Gabler
