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11. November 2013

Erinnerung an das dunkelste Kapitel

Gemeinsame Gedenkfeier von Juden und Christen zum 75. Jahrestag der Reichspogromnacht.

  1. Die Mahnwache im Synagogengässchen ist in Lörrach eine Tradition zum 9. November. Foto: Thomas Loisl mink

  2. Bei der jüdisch-christlichen Gedenkfeier war die Stele in der Teichstraße die Station für eine kleine Andacht. Foto: Thomas Loisl Mink

  3. Bei der jüdisch-christlichen Gedenkfeier war die Stele in der Teichstraße die Station für eine kleine Andacht. Foto: Thomas Loisl Mink

LÖRRACH. Am Samstag, dem 9. November, war es genau 75 Jahre her, dass ein entfesselter Nazi-Mob mehr als 1400 jüdische Gotteshäuser in ganz Deutschland schändete, plünderte und in Brand setzte. Auch die Lörracher Synagoge fiel der Meute zum Opfer. Annähernd 150 Menschen gedachten am Samstag dieses Verbrechens, feierten aber auch das fünfjährige Bestehen der neuen Synagoge.

Die Stadt Lörrach, der evangelische Kirchenbezirk und die Israelitische Kultusgemeinde hatten zu einer christlich-jüdischen Gedenkstunde eingeladen, die im Synagogengässchen begann. An dieser Stelle stand einst die Synagoge, als Gotteshaus und wichtigstes Symbol für jüdisches Leben in Lörrach. Die Plünderungen und Zerstörungen der Lörracher Synagoge fanden am 10. November 1938 zu unterschiedlichen Zeiten und durch unterschiedliche Verbände, darunter etwa 20 HJ-Angehörige, Mitglieder der SA und der SS statt. Darüber hinaus beteiligten sich weitere Bürger und auch Arbeiter des städtischen Werkhofes an der Zerstörung der Synagoge. Die hintere Umfassungsmauer und das Dach der Synagoge wurden zum Einsturz gebracht, um das Innere der Witterung auszusetzen. Am 3. Mai 1939 genehmigte Bürgermeister Reinhard Boos den Abriss des beschädigten Synagogengebäudes.

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Jüdische Gemeinde hat wieder Fuß gefasst

An dieses dunkelste Kapitel deutscher Geschichte gedachte man am Samstagabend, wie Oberbürgermeisterin Gudrun Heute-Bluhm feststellte. Sie zitierte Ben Gurion, der bereits befürchtete, die Pogromnacht sei das Signal zur Vernichtung des jüdischen Volkes in der ganzen Welt. 30 000 Menschen wurden unmittelbar nach der Pogromnacht in Konzentrationslager verschleppt. Froh und dankbar sei man deswegen, dass es seit fünf Jahren eine neue Synagoge in Lörrach gibt und dass jüdisches Leben wieder in der Stadt Fuß gefasst hat, betonte Heute-Bluhm.

Nach einer weiteren Station an der Gedenkstele der Judendeportation in der Teichstraße, wo Pfarrer Michael Hoffmann und Rabbiner Moshe Flomenmann Gebete sprachen, besuchten die Teilnehmer die Synagoge. Ohne die Pogromnacht, ohne Judenboykott und Rassengesetze wäre der Holocaust nicht möglich gewesen, sagte Flomenmann dort. Hätte man das im Voraus gewusst, hätte man etwas unternehmen können. Deshalb sei es wichtig, die Verbindung von Erinnerung und Gegenwart nicht zu verlieren, zumal 20 Prozent der Deutschen antisemitische Tendenzen zeigen, sagte er. Der Rabbiner wies auch auf die Art der Diskussion um das Beschneidungsurteil hin. "Man will nicht akzeptieren, dass es Menschen gibt, die anders sind", sagte Flomenmann.

Für die jüdische Gemeinde in Lörrach war der Samstag aber auch ein Festtag, meinte Flomenmann, da vor genau fünf Jahren die neue Synagoge eröffnet wurde und die Gemeinde sich positiv entwickelt hat. Er rief zur gemeinsamen Gestaltung der Zukunft auf. Das tat auch Pfarrer Michael Hoffmann, der darauf hinwies, das Judentum sei kein Vorläufer des Christentums, sondern seine Basis und Grundlage. Es sei unser aller Pflicht, für Freiheit und Menschlichkeit einzustehen, betonte Hoffmann.

Autor: Thomas Loisl Mink