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16. Mai 2014

Es droht ein Mangel an Hausärzten

Theoretisch ist Lörrach mit Allgemeinmedizinern überversorgt – praktisch ist es jetzt schon schwer, einen Hausarzt zu finden.

  1. Ihr Hausarzt ist den Patienten vertraut – und umgekehrt. Die Zukunft muss wohl neue Modelle bringen. Foto: dpa

LÖRRACH. Wer nach Lörrach gezogen ist oder den Arzt wechseln musste, wird die Erfahrung vielleicht schon gemacht haben: Es ist mühsam geworden, in der Stadt einen Hausarzt zu finden. Lörrach ist nach den Kennzahlen der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) mit Allgemeinmedizinern sogar leicht überversorgt, doch im Alltag kommt das nicht an. Viele Praxen sind so ausgelastet, dass sie keine neuen Patienten mehr annehmen können. Und der Engpass wird sich nach Einschätzung von Lörracher Medizinern in den nächsten Jahren noch verschärfen.

Es ist Fakt, bestätigen Allgemeinmediziner in der Stadt: Wer einen Hausarzt sucht, handelt sich unter Umständen erstmal ein paar Absagen ein. Das habe ein ganzes Bündel von Ursachen.

In Lörrach seien in den letzten Jahren mehrere Mediziner, die ganz oder teilweise hausärztlich arbeiteten, in den Ruhestand gegangen, ohne dass es eine Nachfolge gab, sagt Dr. Richard Pottstock, der seine Praxis in Stetten hat und dem Ärztenetz Dreiländereck vorsteht. Der Druck auf die Lörracher Ärzte sei aber auch gestiegen, weil im Umland bei Praxisschließungen keine Nachfolger gefunden wurden, ergänzt Dr. Harald Dörr, Allgemeinmediziner in Haagen – wenn aber ein Bürger etwa aus Steinen im eigenen Ort keinen Arzt mehr hat, liegt der Gang in die Kreisstadt nahe. Weitere Praxen im Umland stehen vor der Schließung, damit steigt der Druck auf die verbliebenen Mediziner weiter. Doch auch bei Ärzten, die nicht mehr Patienten haben als früher, sei der Aufwand pro Patient größer geworden, weil die Menschen im Schnitt älter werden, sagt Dörr. Außerdem würden die Patienten heute nach einem Klinikaufenthalt rasch entlassen, ergänzt Dr. Ingolf Lenz, Allgemeinmediziner in Brombach und Vorsitzender des ärztlichen Kreisvereins. Damit falle die weitere Betreuung dem Hausarzt zu. Nicht zuletzt, betonen die Mediziner unisono, ufere die Verwaltung immer mehr aus.

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"Es ist unwürdig für einen Patienten, wenn er keinen Arzt findet", sagt Harald Dörr – aber jeder Hausarzt kommt an seine Grenze. Von einem allgemeinen Ärztemangel könne man dabei gar nicht sprechen, so der Mediziner. Es gebe sehr viele Spezialisten, aber die stünden für die Basisversorgung nicht zur Verfügung.

Der aktuelle Befund ist unbefriedigend, die Perspektiven für die Zukunft aber sind nach Überzeugung der Lörracher Mediziner besorgniserregend. "Wir werden in eine Mangelsituation hineinlaufen", ist Richard Pottstock überzeugt. Schaue man sich die Altersstruktur der Lörracher Allgemeinmediziner an, zeige sich, dass in den nächsten Jahren viele Praxisübergaben anstehen werden.

"Der Hausarzt alter

Schule stirbt aus."

Richard Pottstock

Etwa ein Viertel der Lörracher Hausärzte werde in den nächsten fünf Jahren die Altersgrenze erreichen, schätzt Pottstock. Es arbeiteten zwar fast alle ein paar Jahre länger, aber irgendwann sei Schluss. Junge Mediziner drängten aber nicht unbedingt in eine Einzelpraxis – zu unattraktiv seinen die Bedingungen. Die Bezahlung folge nicht der Leistung, sagt Ingolf Lenz. Das liege auch daran, ergänzt Pottstock, dass die Kassenärztlichen Vereinigungen, die das Geld verteilen, von Fachärzten dominiert seien. Die würden bei der Verteilung der Mittel bevorzugt.

Für die Zukunft spielt auch eine Rolle, dass viele junge Ärzte heute weiblich sind – und die arbeiten in der Regel nicht vollzeit, wenn sie Familie haben. Gemeinschaftspraxen und medizinische Versorgungszentren, sind die Lörracher Mediziner überzeugt, sind deshalb die Zukunft. Das müsse nicht schlecht sein, sagt Lenz, aber ein Stück weniger persönlich gehe es schon zu. Darunter litten vor allem die betagten Patienten. Aufzuhalten ist das kaum. "Der Hausarzt alter Schule stirbt aus", prognostiziert Pottstock. Wenn die Situation sich selbst in einer Stadt wie Lörrach, die für junge Ärzte noch attraktiver sein müsste als viele andere Standorte, zuspitze, werde die Politik reagieren müssen, ist Lenz überzeugt. Derweil tue man viel, Mediziner für eine Praxisübernahme hier zu gewinnen und sie dann auch zu halten, unter anderem mit organisatorischer Unterstützung bei der Weiterbildung. Aus Sicht von Medizinern und Patienten ist die Versorgung mit Allgemeinmedizinern in Lörrach zumindest knapp. Das ist die Praxis – die Theorie ist eine andere. Für die Berechnungen der Kassenärztlichen Vereinigung ist Lörrach mit Weil und einigen nahen Gemeinden zu einem Mittelbereich zusammengefasst. Rechnerisch ist dieser Bereich mit Hausärzten sogar immer noch überversorgt, das heißt: Es darf zwar eine Praxis übernommen, aber keine neu eröffnet werden. Dass das tatsächlich nicht die reale Situation spiegle, sei ein Paradoxon, sagt Kai Sonntag, Pressesprecher der KV Baden-Württemberg, für das es diverse Erklärungsansätzen gebe. So sei die Zahl der Ärzte, die eine Bevölkerung brauche, eine politisch gesetzte "Hilfskonstruktion" und nicht wissenschaftlich untersucht. Auch sei es höchst unterschiedlich, wie viele Patienten ein Arzt betreue. Doch auch der, der weniger habe, belege eine Zulassung. Im übrigen liege das Problem nicht wirklich in der Zahl der Zulassungen. Selbst wenn ein Sitz offen ist – es finde sich oft einfach niemand, der ihn einnehmen will. Sonntag: "Es wird nicht besser werden, weil wir einfach keine Ärzte haben".

HAUS- UND FACHÄRZTE

Es gibt für die ärztliche Versorgung Kennzahlen, die nach der Einwohnerzahl berechnet werden. Geringfügig fließt da auch die Altersstruktur in einer Region ein, der Mittelbereich Lörrach/Weil ist etwas jünger als der Durchschnitt. Mit 100 Prozent ist die Versorgung ausreichend, über 110 Prozent wird keine Zulassung mehr erteilt. Lörrach/Weil liegt bei den Hausärzten bei 113,5. Die Facharztkennzahlen gelten für den ganzen Landkreis. Der Kreis Lörrach ist danach mit allen Facharztgruppen gut bis sehr gut versorgt. Ausnahmen sind HNO-Ärzte, auch bei den Hautärzten ist die Versorgung knapp. Deutlich unterversorgt ist der Landkreis Lörrach mit Kinder- und Jugendpsychotherapeuten.  

Autor: seh

Autor: Sabine Ehrentreich