Gedenken ja – aber in welcher Form?

BZ-Redaktion

Von BZ-Redaktion

Mi, 04. Dezember 2013

Lörrach

Alle Fraktionen wollen, dass auch der nichtjüdischen NS-Opfer gedacht wird, aber nur die Grünen sind für Stolpersteine.

LÖRRACH (BZ). Angestoßen von der Grünen-Fraktion, wird in Lörrach diskutiert, auch der nichtjüdischen Opfer der NS-Gewaltherrschaft zu gedenken. Im Grundsatz sind alle Fraktionen einig, dass das kommen soll, nur Form und Ort sind noch offen. Nun sind für die Haushalt des kommenden Jahres 7000 Euro für weitere Forschungen beantragt, die einer Entscheidung über eine Gedenkstätte vorausgehen sollen.

Für die jüdischen Opfer gibt es seit 2011 eine Stele in der Teichstraße. Sogenannte Stolpersteine, wie die Grünen sie als Form des Gedenkens befürworten, lehnt die Israelitische Kultusgemeinde Lörrach ab. Für die nichtjüdischen Opfer sollte man diese Form trotzdem wählen, finden die Grünen. Die anderen Fraktionen befürworten eine einheitliche Form des Gedenkens und sind deshalb gegen die Stolpersteine.

Die Forschungsarbeit von Robert Neisen zur Geschichte des Nationalsozialismus in Lörrach habe deutlich gemacht, dass es viele teilweise unbekannte nichtjüdische Opfer gebe, teilen die Grünen in einer Mitteilung mit. Die Fraktion halte es für sehr wichtig, dass diese Schicksale wissenschaftlich erforscht und hierfür auch finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt werden. Gleichzeitig erneuern die Grünen ihre Forderung, der nichtjüdischen Opfern mit Stolpersteinen zu gedenken. Die unscheinbaren Steine, die es in vielen Städten Europas schon gibt, verweisen mit Namen auf den Wohnort des Opfers. Dieser Form des Gedenkens geben die Grünen den Vorzug vor einer zentralen Gedenkstätte. Über die Stolpersteine könnten sich Einzelne oder Schulklassen etwa mit einem Einzelschicksal oder dem Schicksal von Gruppen beschäftigen und Steine auch selbst verlegen. Jeder Stein könnte einen Paten oder einen Stifter haben, der die Herstellung und Verlegung finanziert. Die Fraktion plädiert daher dafür, dass sich Lörrach an dieser Form des gemeinschaftliches Gedenkens in der Bundesrepublik und anderen Ländern beteiligt. Dass die jüdische Gemeinde sich gegen die Verlegung von Stolpersteinen für die jüdischen Opfer ausspricht, respektiere die Fraktion der Grünen. Sie weist aber auf das Beispiel anderer Städte hin. Grundsätzlich sei es wichtig, dass in Lörrach der Verfolgung und des Widerstandes während des Faschismus gedacht und dies auch künftigen Generationen vermittelt wird.

Beschäftigung mit der NS-Zeit soll weitergehen

Die SPD-Fraktion begrüßt nachdrücklich die Forderung nach einer zentralen Gedenkstätte für die nichtjüdischen Opfer des Nationalsozialismus in Lörrach und unterstützt auch den Auftrag für die wissenschaftliche Erforschung der Opfer-Schicksale, teilt sie in einer Pressemitteilung mit. "Diese Aufarbeitung ist überfällig und ein weiterer Beitrag zur aktiven Auseinandersetzung mit der Geschichte Lörrachs in der NS-Zeit", so Christiane Cyperrek. Die SPD begrüße, dass sich in internen Diskussionen alle Fraktionen vorbehaltlos für die Schaffung eines öffentlichen Orts des Gedenkens ausgesprochen haben. Man hoffe, "dass nun noch weitere Anregungen aus unserem Antrag ’Erinnern statt vergessen’ aufgegriffen und umgesetzt werden", betont Cyperrek. In diesem Antrag vom September hatte die SPD sieben Vorschläge formuliert mit dem Ziel, gemeinsam Wege zu finden, wie sich die Stadt weiter mit ihrer Vergangenheit während der NS-Zeit auseinandersetzen kann. Die SPD hatte unter anderem angeregt, neben dem Bild von Bürgermeister Boos im Rathaus eine Texttafel anzubringen, in der die Ergebnisse der Forschungen von Robert Neissen zur Rolle von Boos zusammengefasst werden. Für den Fraktionsvorsitzenden Günter Schlecht steht zudem außer Frage, dass bei ausreichender Quellenlage auch die Erforschung der Geschichte der Ortsteile im Nationalsozialismus in Auftrag gegeben werden muss. In der Diskussion um die Form des Gedenken an die nichtjüdischen Opfer steht die SPD-Fraktion einhellig hinter dem gemeinsam erarbeiteten Vorschlag, in Lörrach analog zu der Stele für die jüdischen Opfer eine zentrale Gedenkform für die nichtjüdischen Opfer zu schaffen.

Das Veto der jüdischen Gemeinde, die keine Stolpersteine will, sei für die SPD verpflichtend und eine erneute Trennung zwischen jüdischen und nichtjüdischen Opfern durch unterschiedliche Gedenkform wolle man nicht. Dies schließt aus Sicht der SPD nicht aus, dass durch private Initiativen auch Stolpersteine verlegt werden können. Zudem schlägt die Fraktion vor, dass sich die Stadt an dem Projekt des Südwestrundfunks "Stolpersteine" beteiligt, in dem virtuelle und hörbare Stolpersteine "verlegt" werden.

Auch CDU für Gedenkstätte

Auch die CDU-Fraktion ist vorbehaltlos dafür, eine Gedenkstätte für die nichtjüdischen Opfer des Nazi-Regimes zu schaffen, sagt Fraktionschefin Petra Höfler. Form und Ort seien noch offen. Weil die jüdische Gemeinde in Lörrach Stolpersteine als Form des Gedenkens ablehnt, kommt das aus Sicht der CDU auch für die nichtjüdischen Opfer nicht in Frage. Das sehen auch die Freien Wähler so, wie deren Sprecher Werner Lacher betont. Seine Fraktion ist wie alle dafür, die 7000 Euro für weitere Forschungen zu bewilligen und danach über Form und Ort einer zentralen Gedenkstätte zu entscheiden.

So sieht das auch die Fraktion Die Liberalen, sagt deren Sprecher Marcel Matt. Man habe sich intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt und sei zu dem Ergebnis gelangt, dass man ein einheitliches Gedenken für die jüdischen und nichtjüdischen Opfer bevorzugt. Da die jüdische Gemeinde in Lörrach die Stolpersteine ablehne, kämen sie zumindest zur Zeit nicht in Frage. Sollten sich aber private Initiativen für Stolpersteine finden, sollte die Verwaltung dafür offen sein.