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08. Juli 2016

Sprachförderung

MARKTGEFLÜSTER: Tücken kleiner Fähnchen

Die Begegnung mit dem Fremden beschert sehr oft neue Erkenntnisse, seien es auch nur kleine Aha-Erlebnisse. Davon erzählt auch die Begebenheit, die Michaela Kern, die bei der Bürgerstiftung für Sprachförderung zuständig ist, als kleine Randbemerkung bei der Stiftungsversammlung zum Besten gab. Bekanntlich schickt die Bürgerstiftung eine Wanderausstellung mit fremdsprachigen Kinderbüchern durch die Kindergärten. Dieses Lese- und Vorleseangebot wird gerne angenommen und meist stellen die Kindergärten eine eigene kleine Veranstaltungsreihe auf die Beine. Um den Kindern aus Familien, in denen Deutsch nicht die häusliche Sprache ist, das passende Buch zu signalisieren, habe sie früher kleine Fähnchen verwendet. Doch davon ist Michaela Kern abgekommen. Wenn sie zum Beispiel ein auf Russisch abgefasstes Buch mit der russischen Flagge gekennzeichnet hatte, dann sei das bei den Familien, die vielleicht zwar russisch sprechen, deren Wurzeln aber in der Ukraine, in Kasachstan oder in Moldawien liegen, oft merkwürdig distanziert aufgenommen worden. Was als kleines Signal gemeint war, sei so zu einem ungewollten politischen Statement geworden. Ähnlich habe es sich mit der türkischen Flagge verhalten, wenn die Familien Kurden waren. Oder was hätte sie mit Arabisch machen sollen, fragte sich Michaela Kern. Dieser Sprache ist kein bestimmtes Land und somit auch keine bestimmte Fahne zuzuordnen. Und wenn sie einfach eine ausgewählt hätte, dann wäre sie angesichts der hierzulande fast nicht zu durchschauenden Konflikt-Knäuel in der arabischen Welt schnell zwischen alle Stühle geraten. Michaela Kern ist deshalb dazu übergegangen, die unterschiedlichen Sprachen einfach mit Wörtern zu kennzeichnen. Für die Erwachsenen ist das eine diplomatische Lösung und für die Kinder, die noch nicht lesen können, sei es eh kein Problem, das passende Buch zu finden.

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Autor: Willi Adam