"Nicht nur laut seehofernd geifern"

BZ-Redaktion

Von BZ-Redaktion

Sa, 14. Januar 2017

Lörrach

INTERVIEW: Sebastian Feichtmair spricht mit Gunter Dueck vor dessen Vortrag im Studium Generale bei der DHBW.

LÖRRACH. Sebastian Feichtmair war unter anderem bei Mercedes Benz, KBC und Technische Textilien Lörrach (TTL) sowie Gaba Lörrach tätig. Seit 2007 ist er Professor an der Dualen Hochschule Lörrach, wo er den englischsprachigen Studiengang BWL-International Business leitet. Für die von ihm verantwortete Vortragsreihe Studium Generale sucht er stets Leute, "die uns einen Mehrwert bringen" – wie Gunter Dueck, mit dem er sich vor dessen Vortrag über Terror, Digitalisierung, Politik und Bildung unterhielt.

Feichtmair: 2016 hat der Terror auch in Europa mit vielen Toten Einzug gehalten. Wird die Welt jetzt schlechter?
Dueck: Statistisch gesehen muss man das differenzieren: Wir vergessen gerne, dass es nach dem 11. September zigtausend Tote gegeben hat durch Kriege, die auch der Westen begonnen hat. Die zählen wir nicht mit, wir merken nur, dass es jetzt mehr Tote hier bei uns gibt. Das macht uns Angst, die wir vorher nicht hatten. Wir schauen das zerbombte Aleppo nüchtern an, aber die Todesfahrt in Berlin besorgt uns. Die Welt ist schon länger übel: Terror, Fukushima, Kriege, Finanzkrisen, staatliche Egoismen. Sie ist nicht schlechter, sie befindet sich nur schon ungewohnt lange in einem Krisenmodus. Wir sollten relaxter werden.

Feichtmair: Das ist leicht gesagt! Stehen denn nicht dramatische Veränderungen in der Arbeitswelt bevor, viele Berufe werden computerisiert und abgeschafft?
Dueck: Was jetzt geschieht, war im Prinzip schon immer klar: Alle Routinearbeit wird von Computern und Robotern übernommen. Menschen werden nur noch zum Ausführen einfachster Computeranweisungen gebraucht oder für Komplexeres: überzeugen, konzipieren, erschaffen, verkaufen, managen, coachen, erfinden, projektleiten etc. Dies läuft auf das Klarkommen mit anderen Menschen hinaus, verlangt also Persönlichkeit und absolute fehlerlose Professionalität. Das heißt, nicht Umlernen für die Digitalisierung ist gefragt, sondern emotionale Intelligenz, Verantwortungsbewusstsein und Willen. Diese Kompetenzverschiebung verschlafen wir zurzeit.

Feichtmair: Das scheint ein qualitatives Problem zu sein, gibt es auch ein quantitatives? Mehr Arbeitslosigkeit? Kommt so eine Art industrielle Revolution?
Dueck: Ja, wir stehen am Anfang der vierten industriellen Revolution. Geredet wird darüber schon lange, aber eher gelacht. Jetzt merkt jeder, dass es ernst wird. Ein Szenario: Demnächst der Verkehr durch selbstfahrende Taxis erledigt, die Sie per Smartphone ordern. Keiner besitzt mehr Privatautos. Das verändert die Welt vollkommen. Unsere bisherigen Autos werden nur zu fünf Prozent der Zeit gefahren. Sie sind sehr teuer und stehen herum. Wenn man alles durch selbstfahrende Taxis ersetzt, kann man die besser auslasten; dann kommt man mit ein Siebtel der Autos von heute hin. Damit werden ungeheuer viele Arbeitsplätze wegfallen. Und nun zählen Sie den Schwund in den Verwaltungen dazu, den durch 3-D-Druck etc., dann bekommen Sie langsam einen Eindruck von der Lage. Und die nimmt zurzeit niemand ernst.

Feichtmair: Was passiert mit den freigesetzten Mitarbeitern? Das kann zu einer großen Unzufriedenheit mit entsprechenden politischen Auswirkungen führen. Populisten werden hetzen...
Dueck: Die Gefahr besteht. Ich sagte ja, dass die Anforderungen steigen. Selbst wenn wir neue Arbeitsplätze schaffen, z.B. in der IT, dann müssen die Arbeitsplatzverlierer nicht nur umlernen, sondern sich upgraden. Sonst gibt es keinen neuen Job. Das wird nicht thematisiert und nicht erkannt. Leute also, die heute die Arbeit verlieren, stehen wie fassungslos da und verstehen die Welt nicht mehr. Da ist der Vorwurf verständlich, dass "die da oben" versagen. Das können Populisten natürlich ausnutzen.

Feichtmair: Das wäre widerlich. Was muss getan werden, damit sich Politiker nicht den Populisten annähern? Was, damit nicht Populismus mit Populismus beantwortet wird?
Dueck: Die Politik soll sich ernsthaft den geschilderten Problemen widmen, nicht unaufhörlich laut seehofernd geifern. Heute ist es schwer, überhaupt zu handeln, weil jede Tat der Regierung gleich in allen Internetforen durchgehechelt und meist gemobbt wird. Politiker müssen den Eindruck bekommen, dass jedes Handeln Wählerstimmen kostet. Nur Frau Merkel scheint unermüdlich zu handeln, ohne groß die Dauer-Shit-Lawinen zu beachten, was wir ihr auch wieder übelnehmen. Wir schimpfen den ganzen Tag über sie, wissen aber insgeheim gar nicht, was mit Deutschland geschähe, wenn sie weg wäre, weil sonst eben niemand wirklich handelt. Was gilt? Hey, Leute, wählt integre Persönlichkeiten, die beherzt im Sinne des Ganzen handeln und lasst sie machen – ehrt sie doch auch einmal und wählt sie wieder! Ächtet Leute, die per Foulspiel und Blutgrätsche jedes Handeln torpedieren.

Feichtmair: Schön wär’s, wenn das alle so verstünden. Fakt ist, dass gemeinsames Handeln nicht gerade einfach ist, vor allem nicht, wenn viele beteiligt sind. Was sagen Sie dazu?
Dueck: Wer heute handeln will, hat es eigentlich mit viel zu vielen Interessengruppen zu tun. Im Internet findet man an überhaupt Allem ein Haar in der Suppe. Jeder noch so gute Gesetzesvorschlag benachteiligt wieder irgendeine kleine Randgruppe, die sofort im Fernsehen hochdramatisierend dominant sein darf. Selbst wenn man sehr kluge Lösungen verfolgt, werden die von irgendwelchen Leuten im Netz nicht verstanden und zu Tode kommentiert. Die Masse agiert dumm, weil vor allem die Protestler ihre Partikulärprobleme in den Vordergrund bringen und einen Blick für das Ganze erschweren. Ich nenne es Schwarmdummheit – darüber habe ich ja ein ganzes Buch geschrieben.

Feichtmair: Kommen wir zurück auf die Bildungspolitik: Was müssen Studenten künftig wirklich können?
Dueck: Studenten erlernen im besten Fall Methoden, um sie in Unternehmen anzuwenden. Die IT hat es mit der weltweiten Vernetzung und in der Cloud möglich gemacht, ganz neue Effizienzen "zu heben". Das ist jetzt vorbei. Auf der anderen Seite verändert die Digitalisierung "disruptiv" unsere Welt. Das Alte wird ausgehöhlt und abgelöst. Die IT ermöglicht neue Geschäftsmodelle. Sie erfordert nicht nur den effizienten Umgang mit den gegebenen Ressourcen, sondern das Etablieren von neuen Geschäftsmodellen mit ganz neuen und anderen Ressourcen. Das müssen Studierende lernen, am besten in der Praxis. Neben inhaltlichem Verständnis, also Fachkönnen, und methodischer Kompetenz benötigt der Manager Menschenführungskompetenz. Auf letztere kommt es heute an, mehr denn je!

Termin: Studium Generale, Gunter Dueck, Mittwoch, 18. Januar, DHBW, Hangstraße 46 bis 50, Vortrag Core Competence Shift Happens – über den Shift der Kernkompetenzen.