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15. Mai 2017

Rückenwind für den beschwerlichen Bildungsweg

Vorlesewettbewerb für junge Flüchtlinge war ein Erfolg / Teilnehmer finden Bestätigung.

  1. Beim Vorlesewettbewerb für junge Flüchtlinge in der Stadtbibliothek gab es erstaunliche Leistungen. Die Sieger bekommen eine Einladung in den Europa-Park. Foto: Barbara Ruda

LÖRRACH. Am Ende des Tages fiel das Resümee aller Beteiligten eindeutig aus. Der erste Vorlesewettbewerb für junge Flüchtlinge in der Stadtbibliothek, der auf eine Idee der Koordinatorin Ehrenamt Flüchtlinge bei der Caritas, Christine Meinzer-Folk, zurückging und sich vom Procedere an den bundesweiten Vorlesewettbewerb für Sechstklässler anlehnte, war ein voller Erfolg. Mehr noch: Weil er beim Thema Integration viel weiter denkt als viele der alten Rezepte, kann er im Landkreis und darüber hinaus als Vorbild dienen. Das meinte auch der Flüchtlingsrat in Baden-Württemberg bereits im Vorfeld, und nach der Premiere am Samstag wird er in dieser Einschätzung noch bestärkt werden.

Die Reihen im Vortragssaal sind mit Eltern, Geschwistern und Lesepaten dicht besetzt, als Maya Alahmad aus Syrien mit sicherer Stimme einen kurzen Text aus einem Buch vorliest. So, als wäre das gar nichts Besonderes und würde nicht großen Mut erfordern. Schließlich handelt es sich für alle Teilnehmer bei Deutsch um eine Sprache, die man laut Regel höchstens seit drei Jahren lernt, und in der es schwerfällt, einem Publikum vorzutragen. "Hut ab, eine Superleistung", wie Bibliotheksleiterin Sabine Dietrich anschließend allen bescheinigt. Maya liest so flüssig, dass sie von der dreiköpfigen Jury zu einer Siegerin erklärt wird, genauso wie Nassa Nuri aus Afghanistan, der zwar etwas stockender vorträgt, dafür aber mit ausgeklügelter Betonung und Gestik. Nach jedem Vortrag gibt es kräftigen Applaus aus dem Publikum. Die Eltern hörten ihren Kindern zu, fotografierten, zeichneten auf – und waren einfach stolz auf ihre Sprösslinge.

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Die acht Hauptpreisträger dürfen den Europa-Park Rust besuchen, aber auch alle anderen bekamen am Samstag Preise und Urkunden. Statt der von den Veranstaltern erwarteten höchstens 40 jungen Flüchtlingen zwischen zehn und zwanzig Jahren, meldeten sich 69 für den Vorlesewettbewerb an. 60 nahmen dann tatsächlich teil, wie Sabine Dietrich und Franziska Kufner von der Kinder- und Jugendbibliothek berichteten. Das machte eine Aufteilung der Veranstaltung in zwei Blöcke notwendig. Allein sechs Anmeldungen gab es aus der Schule von Michael Breckner, der Realschule Dreiländereck in Weil am Rhein. Der Lehrer weiß auch, warum das so war. Bei dem Wettbewerb sei es den jungen Flüchtlingen endlich einmal möglich zu zeigen, was sie können, denn viele seien in der Regelklasse überfordert. "In den meisten Fällen kommen sie mit einer lückenhaften Schulbildung hier her – ein Teilnehmer musste zum Beispiel arbeiten, Eis verkaufen – und müssen sich hier auf eine völlig neue Situation in der Schule einstellen und sogar ein neues Alphabet lernen."

Für solche Kinder und Jugendlichen bedeutet es eine große Bestätigung, wenn der eigene Name auf der Leinwand am Saalende erscheint. Mit der Teilnahme am Vorlesewettbewerb verschaffen sie sich Achtung – auch bei den Mitschülern. Wie die Ideengeberin und Moderatorin der Veranstaltung, Christine Meinzer-Folk, schon in der Pause feststellte, lagen Resonanz und Erfolg über ihren Erwartungen. Drei Fliegen wurden mit einer Klappe geschlagen: Die Kinder wurden wertgeschätzt, neue Helfer gewonnen und die Eltern mit einbezogen. In allen drei Bereichen sei sie bestärkt worden. Jetzt sinnt sie schon wieder über neue Ideen zur Verbesserung von Integration nach.

Autor: Barbara Ruda