Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
12. Januar 2011
Vom Kopfschlächter zum Tierfreund
Heinrich Kapp stellt sich gegen die vorherrschende Schlachtordnung und fordert einen würdigen Tod für seine Hochlandrinder.
LÖRRACH. Der Dioxin-Skandal zieht immer weitere Kreise, wieder einmal ist es Zeit, über die Tierhaltung nachzudenken. Heinrich Kapp beschäftigt sich schon seit Jahren damit. Auf dem Tüllinger Berg verbringen seine Hochlandrinder ein glückliches Leben. Nun kämpft der Hobbyzüchter dafür, dass sie auch stressfrei sterben dürfen.
Alles beginnt mit dem Transport von Billy. Er brüllt und wehrt sich bis aufs Blut. Er schüttelt seine Hörner mit dem imposanten Radius von 1,60 Metern. Am Ende der Tortur wird die Absperrung aus Stahl zerbeult, das Gatter der Weide zerstört sein. Ihm fremde Männer schlagen den Hochlandbullen, er steigt und schnaubt. Als sie ihn fast im Anhänger haben, stemmt er sich mit seinen 800 Kilo gegen den Druck von hinten. Er bewegt sich kein Stück. Heinrich Kapp muss seinen Schwanz umknicken, da tut er einen Satz nach vorn und steckt drin in dem Verlader, der ihn zum Schlachter bringt.Seitdem hat Heinrich Kapp keines seiner Rinder mehr schlachten lassen. Zu grausam sei der Transport, eine Tierquälerei. Und wenn einer weiß, was Tierquälerei ist, so ist das Heinrich Kapp. Der jetzige Hobbyzüchter von schottischen Hochlandrindern war früher Kopfschlächter.
Werbung
Innerhalb von acht Stunden hat er zusammen mit fünf anderen Männern 2000 Schweine geschlachtet. "Man schneidet ihnen im Sekundentakt den Hals durch. Trifft man nicht richtig, ist keine Zeit für Korrekturen. Das halbtote Schwein trägt das Fließband fort", erzählt Heinrich Kapp. Nachts träumt er von den Tieren, ganze Herden, die er getötet hat.
Schon von weitem brüllt der Chef, der Leitbulle Baldo, als Heinrich Kapp seiner Herde den allabendlichen Besuch abstattet. Knietief versinkt er im Matsch, jeden Schritt begleitet ein lautes Schmatzen. Es ist bereits dunkel und kalt sowieso an einem frühen Abend im Dezember auf dem Tüllinger Berg. Dem Rinderzüchter macht das alles nichts aus. Gleich ist er bei seinen Tieren. Und wer steht schon am Gatter und erwartet ihn? Siggi. Mit einer großen Bewegung streicht Heinrich Kapp über die Flanke des jungen Bullen. "Ja Siggi, wirst immer größer", gurrt er. Wie Väter, die ihren Söhnen in emotionalen Augenblicken Kopfnüsse geben anstatt sie zu umarmen, wuschelt Kapp noch zärtlich-grob die langen rotbraunen Haare durcheinander, die dem Tier ins Gesicht hängen, dann wendet er sich dem Rest der "Familie" zu.
Vierzehn Rinder, alle haben einen eigenen Namen, sind die Leidenschaft von Heinrich Kapp. Zweimal am Tag, morgens um vier und abends nach der Arbeit – Heinrich Kapp arbeitet als Messebauer in Basel – , sieht der Hobbyzüchter nach seinen geliebten "Viechern". Im Sommer setzt er sich zu ihnen. Nach einer Weile lässt sich die Herde zu seinen Füßen nieder. Im Winter haut er ihnen den zugefrorenen Wassertrog auf und bringt ihnen Heu. Seine Hochlandrinder sind das ganze Jahr über im Freien. "Die würden Panik kriegen, drinnen ist es viel zu eng für die", sagt der 57-jährige. Bis zu 25 Grad unter Null können die Hochlandrinder aushalten. Einen Stall kennen seine Tiere nicht. Anders als fast 98 Prozent der 1,5 Milliarden Rinder, die weltweit ausschließlich im Stall gehalten werden.
Heinrich Kapp
Noch träumen die beiden Männer. Das Veterinäramt Lörrach hat den Antrag von Heinrich Kapp, das Rind auf der Weide zu betäuben, es mit der Schaufel des Traktors binnen sechzig Sekunden in die mobile Schlachtbox zu heben und ihm dort die Halsschlagader durchzuschneiden, abgelehnt. Nach Verordnung (EG) Nr. 853 / 2004 müssen die Tiere lebend im Schlachthof ankommen. Erfüllt wäre diese Hygieneregel, wenn das Schlachtmobil als Teil einer EU-zertifizierten Schlachtstätte anerkannt würde, sozusagen als ausgelagerter Schlachthof auf Rädern. Die nächste EU-Verordnung, dem toten Tier seien binnen 45 Minuten die Eingeweide rauszunehmen, wäre leicht zu erfüllen. Es gibt mehrere Schlachthöfe, die man vom Tüllinger Berg schnell erreichen kann.
Heinrich Kapp und sein ehrenamtlicher Helfer Kehat Merstetter dürfen optimistisch sein. Ernst-Hermann Maier aus dem schwäbischen Ostdorf hat sich 15 Jahre lang durch die Instanzen gegen den "Schlachthofzwang" – so heißt die Verordnung – geklagt und schließlich Recht bekommen. Seine Tiere müssen nun nicht mehr in "Tierquäler-Manier", so Heinrich Kapp, verladen werden und durch enge Gittergassen einer Massenschlachtung entgegen getrieben werden. Einer Akkordtötung, an der Heinrich Kapp nie wieder teilhaben möchte. Weder als Schlächter noch als Rinderzüchter.
Maier, mittlerweile Autor eines Buches mit dem Titel "Der Rinderflüsterer", hat einen Verein namens Uria gegründet, dem gleichgesinnte Landwirte beitreten können. Heinrich Kapp ist Mitglied und erhofft sich Unterstützung von Maier auf dem Weg zur "ethisch unbedenklichen und qualfreien" Schlachtung seiner Tiere. "Der Maier ist ein Vorkämpfer für die Rinderzüchter in Baden-Württemberg", sagt Heinrich Kapp anerkennend. Weil der seine Tiere mittlerweile ohne die "unmenschliche Verladung" schlachten darf, rechnet er als Landwirt im selben Bundesland mit einer rechtlichen Gleichstellung.
Die beiden Männer auf der matschigen Weide auf dem Tüllinger Berg sprechen in kalter Winterfinsternis über das gute Fleisch, das sie sich von der artgerechten Haltung und sanften Tötung der Tiere erhoffen. Vegetarismus ist für beide keine Option. Über "ordinäre Stallrinder der Massentierhaltung" sagt Heinrich Kapp: "Das ist ja gar kein Fleisch. Wasserfleisch ist das."
Erstens entwickelten diese Tiere in ihrem traurigen Leben zwischen Stehen, Liegen und Fressen nie Muskeln. Zweitens schütteten sie bei ihrer Schlachtung so viele Stresshormone aus, dass das Fleisch noch ungenießbarer werde. Kehat Merstetter kann da nur zustimmen: "Verbraucher bestimmen die Art der Tierhaltung mit. Weniger Fleisch, dafür besseres essen, das ist meine Devise."
Von hinten kriegt der Landwirt einen Stups. Siggi möchte Aufmerksamkeit. Weil seine Mutter Berta ihn verstoßen hatte, haben Heinrich Kapp und Kehat Merstetter den jungen Bullen mit der Flasche großgezogen. Am liebsten würde Heinrich Kapp gar nicht schlachten: "Aber dann vermehrt sich die Herde unkontrolliert, irgendwann müsste ich Tiere verkaufen und dann? Dann müsste ich ja doch wieder verladen."
Autor: Charlotte Janz


