Wie es ist, als Geflüchteter in Freiburg ein Unternehmen zu gründen

Gina Kutkat

Von Gina Kutkat

Di, 24. April 2018 um 17:42 Uhr

Stadtgespräch (fudder)

Omar Masoud und Omar Alhlwani sind Absolventen der Root Factory – einem Freiburger Programm, das Geflüchteten hilft, ein Unternehmen zu gründen. Jetzt wagen sie den Schritt in die Selbstständigkeit. Wie ist es ihnen ergangen?

Omar Masoud hat einen dicken roten Ordner vor sich liegen. Darin hat er alle Dokumente abgeheftet, die er in den letzten zehn Monaten gesammelt hat. Briefwechsel mit dem Jobcenter, Entwürfe eines Finanzplanes, Vorlagen für Rechnungen und Unterlagen für die Fahrschule, bei der er gerade seinen Führerschein macht. "Es ist sehr viel Arbeit", sagt der 36-Jährige, der gerade seine Catering-Firma "Masoud Catering" gegründet hat. Aber er freut sich, dass es jetzt endlich losgeht.

Omar Masoud ist einer der Absolventen der Root Factory, einem Programm, das im August 2016 im Grünhof Freiburg entwickelt worden ist. Die Root Factory ist das erste Förderprogramm Baden-Württembergs, das Menschen mit Fluchterfahrung dabei hilft, Unternehmen zu gründen. Neun Teams sind im August 2017 ins Pilotprojekt gestartet. Sie haben in den vergangenen Monaten mit Experten an ihren Ideen gefeilt, sich in Bereichen wie Unternehmensberatung, Marketing und Finanzierung weitergebildet und einen großen Schritt in Richtung Selbstständigkeit getan. Zwei Teams haben inzwischen ihr Unternehmen gegründet, drei weitere stehen kurz davor.

Veganer und vegetarischer Imbiss

So auch Omar Alhwani, 36, und Elie Gashash, 40 mit ihrem Imbiss "Bab Scharquie". Die beiden verbindet eine lange Freundschaft: Bereits in ihrer Heimat Damaskus kannten sie sich, nach der Flucht aus Syrien trafen sie sich per Zufall in einem Flüchtlingsheim in Gerstetten bei Heidenheim wieder. Mittlerweile leben beide mit ihren Familien in Horben und kochen regelmäßig für ihre Nachbarn und Freunde. "Taboulé, Falafel und Hummus zum Beispiel", sagt Alhwani.

Nach einem erfolgreichen Gartenfest ist die Idee entstanden, ein eigenes Restaurant zu eröffnen. Alhwani, der in Damaskus als Banker gearbeitet hat und wochenends in einem Restaurant aushalf, ist ein Planer und Denker. Noch bevor er und Elie Gashash bei der Root Factory starteten, hatte er auf Englisch einen Businessplan erstellt, seine Deutschkenntnisse ausgebaut und erste Kalkulationen vorgenommen. In ihrem Imbiss soll es vegane und vegetarische Kleinigkeiten geben, mit viel Aubergine, Petersilie, Tomaten und anderen gesunden Zutaten. "Das Tor zum Osten" bedeutet der Name des Imbiss übersetzt.

Allerdings ist es ohne Startkapital schwierig, eine Immobilie in der Freiburger Innenstadt zu erwerben. "Es wird in der Regel eine hohe Ablösesumme verlangt, die wir aber nicht vorweisen können", sagt Alhwani. Er und sein Geschäftspartner haben wie fast alle Geflüchteten ihren gesamten Besitz auf der Flucht verloren, sie leben von dem Geld, das sie vom Jobcenter bekommen.

Und weil sie nur einen vorläufigen Aufenthaltsstatus für drei Jahre haben, geben ihnen die Banken nicht so einfach einen Kredit. "Wir geben die Hoffnung trotzdem nicht auf", sagt Alhwani. Er und sein Partner stehen quasi in den Startlöchern. "Mein größter Traum wäre, wenn sich ein Immobilienbesitzer bei uns meldet und uns einen kleinen Raum ohne Ablösesumme zur Verfügung stellt."

Arbeitsplätze und PCs können im Grünhof genutzt werden

Menschen bestärken, die unter erschwerten Bedingungen den Schritt in die Selbstständigkeit wagen, das ist die Philosophie der Root Factory. Sophia Maier und Jonathan Niessen vom Grünhof unterstützen die Teams als Projektleiter bei Behördengängen, vernetzen sie mit relevanten Akteuren und stehen ihnen als Ansprechpartner zur Seite. Auch logistisch hilft die Root Factory: So konnten die Teams mehrere Stunden pro Tag im Grünhof einen Arbeitsplatz nutzen, an ihren Business- und Finanzplänen arbeiten und komplizierte Anträge ausfüllen. Die Chance ergriff auch Omar Masoud, nachdem ein Freund ihm von dem Programm erzählte.

Der gelernte Koch und Arabischlehrer hat sich in den zwei Jahren, die er mit seiner Familie in Freiburg lebt, ein kleines Netzwerk aufgebaut. Im Flüchtlingsheim organisierte er zusammen mit Stadtbibliotheksleiterin Elisabeth Willnat Vorleseabende für Flüchtlingskinder und leitete bald ein eigenes Projekt. Doch Masoud will sein eigener Chef sein und seine Kochkünste in seiner Cateringfirma verwirklichen. Auf der Karte stehen Gerichte wie Magrabie (Kichererbsen, Schaffleisch, Zwiebel und Kokos), Tagen (Hühnchen, Kartoffel und Koriander) und Mnzlat Zahra (Blumenkohl, Kalbfleisch, Koriander und Knoblauch).

Die ersten kleineren Aufträge hat er bereits erfüllt: "Nächtelang stand ich dafür in der Küche", sagt er. Und seine Ziele sind groß: "Ich kann bestimmt 1000 Leute bekochen." Unterstützung erhält Masoud von seiner Frau Hana Abd Almutti; die Räumlichkeiten stellt ihm die katholische Pfarrgemeinde St. Albert in Betzenhausen zur Verfügung. Auch er fängt ohne Startkapital an: "Ich starte mit 0 Euro", sagt Masoud. Die ersten sechs Monate erhält er finanzielle Unterstützung vom Jobcenter – rund 900 Euro hat er im Monat zur Verfügung. Danach steht er – hoffentlich – auf eigenen Beinen.

22 Teams hatten sich für die Root Factory beworben, 9 Teams wurden letztendlich ins Programm aufgenommen. Ebenfalls dabei:

Hamdi Salih mit A.T.B. (Aya Trockenbau)
Reza Motahari mit Think best Do best (Lean Production Management Beratung)
Niloofar Adeli & Vahid Mortezapour mit EDEXC (Akademischer Austauschdienst)

Hauptsponsor der Root Factory ist die Schöpflin Stiftung aus Lörrach. Schwerpunkte des Programms waren Know-How-Vermittlung in modularen Trainings, Business Development, Coaching & Mentoring, Vermittlung mit Behörden, Einbettung in andere Angebote von initiativen. Am 19. April präsentierten 5 Gründungsteams ihre Ideen zum ersten Mal der breiten Öffentlichkeit.

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