Lust statt Stress

Michael Baas

Von Michael Baas

Do, 29. November 2018

Ausstellungen

Das Schweizerische Architekturmuseum in Basel mischt sich mit einer Ausstellung zur Dichte im Städtebau in aktuelle Debatten ein.

Physikalische Begriffe wie Dichte haben als Beschreibung sozialer und kultureller Phänomene zwangsläufig ambivalente Züge. Dichtung, die Lebenserfahrungen auf den Punkt bringt, verdichtet eben, ist meist positiv besetzt. In den populistisch befeuerten Diskursen der Schweiz wird das Wort dieser Tage aber negativ verwendet, ist als "Dichtestress" zum rechten Kampfbegriff geworden, ein Sinnbild, das Angstfantasien schürt und die Moderne diskreditiert. Hier setzt "Dichtelust – Formen des urbanen Zusammenlebens" im Schweizerischen Architekturmuseum (S AM) in Basel an. In der auf positiv erlebte Aspekte der Dichte in der historischen Stadt zulaufenden Betrachtung kontrastiert Andreas Kofler das "Unwort" Dichtestress mit "Dichtelust".

Schon die Ouvertüre dieser ersten Ausstellung des italienischen, 1978 in Meran geborenen Kurators am S AM spielt subtil mit dem subjektiven Empfinden von Dichte: Eine Installation des italienischen Architektenkollektivs (ab)Normal aus langen, von der Decke hängenden Stoffbahnen mit bunten Motiven einer futuristischen Stadtsilhouette bildet eine dichte Barriere, die beim Eintritt passiert werden muss. Der folgende Raum setzt dieses erlebnisorientierte Spiel mit Wahrnehmung fort. Da stehen vor zwei aufeinander gestapelten Monitoren, die Videos und Remixes unterschiedlicher Verwendungen des Begriffs zeigen, 1,5-sitzige grüne Metallrohrstühle. Für eine Person sind die Kreationen des belgischen Architekturbüros 51N4E großzügig bemessen für zwei eng – wecken in der Doppelbesetzung mithin Dichtestress oder -lust. Ähnliche Erfahrungen eröffnet eine an eine Hüpfburg erinnernde Couch-Landschaft als Baustein einer Leseecke.

Best-practice-Beispiele zeigen Pluspunkte von Dichte

Der Lesestoff dieser Ecke verweist auf die zweite Dimension dieser Ouvertüre – den theoretischen Hintergrund. Dazu gehört eine Chronologie städtebaulicher Dichte. Da wird gefragt, wie Dichte definiert wird. Da belegen zahlreiche Publikationen in der Leseecke, dass es wissenschaftlich viele gute Argumente für urbane Dichte gibt, dass es in den Diskursen bislang aber zu wenig gelungen ist, diese auf Basis massentauglicher Nenner zu kommunizieren, findet Kofler. Das versucht die Ausstellung in einem Zehn-Punkte-Programm. Da wird aber auch verdeutlicht, dass quantitative Messwerte wie die Ausnützungsziffer, die sich aus dem Verhältnis der Summe der Geschossflächen zur Grundstücksfläche ergibt, nicht ausreichen, um Qualität von Dichte zu beschreiben. Das verschiebt den Fokus von quantitativen zu qualitativen Kriterien von Dichte.

Im großen Saal finden sich Modelle von 25 Architekturbüros. In thematischen Gruppen dokumentieren diese wie Dichte Mehrwert schaffen kann. Da finden sich klassische Ansätze der Nachverdichtung im Bestand durch Aufstockungen wie im Freilager-Projekt der Architekten Meili & Peter in Zürich. Da gibt’s urbane Siedlungsprojekte, die auf Nutzungsvielfalt zielen wie das Vorhaben "Mehr als Wohnen" der Duplex Architekten in Zürich oder die genossenschaftliche organisierte Kalkbreite ebenfalls in Zürich. Da finden sich auch Beispiele aus Basel wie das Kirchenzentrum St. Christopherus in Kleinhüningen, das als Stadt in der Stadt angelegt ist, oder eine Wohnüberbauung in der Maiengasse, die in der Stadt dörfliche Strukturen schafft. Da gibt’s auch auf Identität zielende Vorhaben wie die Schaukäserei des Maison Gruyères in der Westschweiz, die oberflächlich die kleinteilige dörfliche Architektur aufgreift und durch unterirdische Verbindungen doch ein großes Volumen bietet. Auch urbane Großformen wie die vom Basler Büro Christ & Gantenbein entworfenen Nidfeldhöfe in Luzern sind zu sehen. Dichte, das verdeutlichen alle Best-practice-Beispiele, kann ein Plus für alle werden. Sie verringert den Ressourcenbedarf, verhindert monotone Nutzungen und schafft Freiräume, die die Dichte kontrastieren.

Die letzte Station fokussiert auf die Basler Stadtentwicklung, die da verfügbaren Transformationsareale und eine durch ein Bauen in die Höhe entstehende neue Basler Dichte. Verortet in einer wandfüllenden Basel-Zeichnung der koreanischen Illustratorinnen 3rei5ünf6echs werden hier links- und rechtsrheinische Entwicklungsgebiete vorgestellt – vom Roche-Areal in Kleinbasel bis zum Dreispitz im Großbasler Osten. Das deutet nicht nur städtebauliche Potenziale an, die im verdichteten Bauen stecken. Das knüpft auch an positive Besetzungen von Dichte in der traditionellen Stadt an – von Ereignis- und Erlebnisdichte, über Begegnungs- und Kontaktdichte bis zu Nutzungs- Funktions- und Mobilitätsdichte. Aspekte die heute auch unter Begriffen wie Kulturangebot, ärztliche Versorgung oder Nahverkehr diskutiert werden. Dichte kann das Leben also auch erleichtern, Lust statt Stress bereiten, lautet die durchaus politische und aktuelle Botschaft dieser Ausstellung.

Öffnungszeiten: Di. bis So. von 11 Uhr bis 17 Uhr (Sa., So.), 18 Uhr (Di., Mi., Fr.) und 20.30 Uhr Do. bis 5. Mai 2019, Schweizerisches Architekturmuseum Basel, Steinenberg 7. Zur Ausstellung gibt es ein üppiges Begleitprogramm mit Podien und Vorträgen (mehr dazu unter http://www.sam-basel.org Weiter ist im Christoph Merian Verlag die Publikation "Dichtelust –Formen des urbanen Zusammenlebens in der Schweiz" erschienen (240 Seiten, 34 Franken)