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05. Februar 2011

Kirchenaustritt nicht das letzte Wort

Auch im ländlichen Raum verlor die katholische Kirche 2010 mehr Mitglieder / Zahl der Taufen bleibt aber stabil.

  1. Nix wie raus!? 2010 gab es deutlich mehr Kirchenaustritte. Foto: ddp

BREISGAU. Im vergangenen Jahr haben, wie bundesweit, auch in den Gemeinden zwischen Freiburg und Kaiserstuhl viele Katholiken ihrer Kirche den Rücken gekehrt. Das zeigen die Jahresstatistiken, die von den Seelsorgeeinheiten March, Gottenheim und Merdingen erstellt wurden. Sie zeigen aber auch, dass die Bereitschaft zur Taufe von Kindern nicht nachgelassen hat.

Die Missbrauchsfälle, die vor allem im ersten Halbjahr Schlagzeilen machten, hätten bestimmt zur weiteren Zunahme von Kirchenaustritten beigetragen, da sind sich die drei Pfarrer, die den Seelsorgeeinheiten vorstehen, einig. "Wir fürchteten sogar einen erheblich höheren Pegel" meint Thomas Schwarz, Leiter der Seelsorgeeinheit March. Doch was jeweils den individuellen Grund eines Kirchenaustritts bildet, das lässt sich nicht belegen. Denn Gründe für einen Austritt, der gegenüber dem Standesbeamten auf dem Rathaus der Wohnortgemeinde erklärt wird, werden nur in seltensten Fällen angegeben und an die Pfarrgemeinden weitergeleitet. Manchmal erfahren die Pfarrer über private Kontakte etwas von den Beweggründen. Der Missbrauchsskandal könnte – ebenso wie im Jahr 2009 die damals laufende Debatte über den Papst und sein Verhältnis zur Ökumene oder den Piusbrüdern – in vielen Fällen den letzten Anstoß bilden, eine schon stark gelockerte Bindung zur Kirche vollends zu lösen. Markus Ramminger, Leiter der Seelsorgeeinheit Gottenheim, meint, dass in Einzelfällen auch ein örtliches Vorkommnis Auslöser für einen Austritt sein kann.

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Ganz bestimmt spielen auch wirtschaftliche Gründe eine Rolle, denn wer austritt, zahlt ja keine Kirchensteuer mehr. So mündet der Kassensturz zum Jahreswechsel vielleicht im Entschluss zum Austritt. "Viele Austrittsmeldungen kommen zum Jahresbeginn", ist denn auch die Erfahrung von Josef Moosmann, dem Leiter der Merdinger Seelsorgeeinheit. Das Krisenjahr 2009 hat sich hier sicher ausgewirkt.

Moosmann zieht noch weitere Schlüsse: Die soziale Bindung, die jemand nicht nur zur Kirchengemeinde, sondern überhaupt an seinem Wohnort habe, spiele offenbar eine Rolle. Gerade im ländlichen Raum habe das kirchliche Leben noch viele Berührung mit anderen Akteuren und Ereignissen im Dorf. Wo aber ein persönlicher Bezug zur Dorfgemeinschaft schwach ist, löst sich auch der Kitt einer kirchlichen Bindung schneller. Viele derer, die austreten – meistens jüngere Erwachsene bis Mitte 30 – seien weder ihm noch den Pfarrgemeinderäten bekannt, oft seien es auch Personen, die von auswärts zugezogen seien. Dazu passt auch der statistische Befund, dass die Austrittszahlen dort hoch sind, wo die katholische Kirchengemeinde eine schwache Stellung hat, also in mehrheitlich evangelischen Orten. So gab es in der Pfarrgemeinde Bötzingen/Eichstetten mit 35 Austritten (2009: 16) weit mehr als in der etwa gleich großen Pfarrei des mehrheitlich katholischen Umkirch (10, 2009: 4). Und in der Seelsorgeeinheit Merdingen liegt die Pfarrei Wasenweiler mit dem mehrheitlich evangelischen Ihringen bei den Austritten (20 im Jahr 2010, 12 im Jahr 2009) deutlich vor dem an der Zahl seiner Katholiken sogar größeren Merdingen (10 und 5 Austritte).

In March hat Pfarrer Thomas Schwarz, seit er hier 2003 seine Pfarrstelle angetreten hat, jedem ausgetretenen Kirchenmitglied hinterher einen Brief geschrieben, mit der Frage nach den Gründen des Austritts, mit dem Angebot eines Gesprächs, aber auch mit dem Hinweis, dass ein Wiedereintritt möglich sei. "2010 habe ich aber keine einzige Reaktion auf meine Briefe bekommen", bedauert er. "Diese Schreiben bringen nichts" schließt Josef Moosmann denn auch aus ähnlichen Erfahrungen. Er ist darum dazu übergegangen, erst mehrere Monate nach einem Austritt, etwa zu Weihnachten, frühere Kirchenmitglieder wieder anzuschreiben. Dann seien die Leute vielleicht wieder etwas offener und würden auch die Folgen eines Kirchenaustritts mehr in den Blick nehmen. Denn diese können auch zuvor nicht bedachte Überraschungen bergen, etwa dass das Patenamt bei einer Taufe nicht übernommen werden kann. Direkt tragische Züge, so hat es Pfarrer Schwarz schon erlebt, kann es bei einem Todesfall geben, wenn Angehörige eine kirchliche Beerdigung wollen, sich dann aber für sie unerwartet herausstellt, dass der Verstorbene ja aus der Kirche ausgetreten war. Dann, so Schwarz, sei man als Seelsorger gefordert, eine Lösung zu finden.

Ohnehin ist Flexibilität gefragt, da sich die Gesellschaft immer mehr durchmischt und damit auch die Herden der den Seelenhirten anvertrauten Schäfchen. Bei gemischt konfessionellen Ehen hat Josef Moosmann die Erfahrung gemacht, dass entweder die Konfession der Mutter oder das soziale Umfeld den Ausschlag gibt, ob und wie ein Kind getauft wird. In Ihringen werde dann eher die evangelische Konfession gewählt, in den anderen, mehrheitlich katholischen Ortschaften der Seelsorgeeinheit dagegen eher die katholische Taufe. Immer wieder kommt es vor, dass in katholischen Orten auch evangelische Kinder anfangs lieber in den katholischen Religionsunterricht gehen, weil es die Spielkameraden auch tun – in einem evangelischen Dorf läuft es ebenso umgekehrt.

Markus Ramminger, der vor seinem Wechsel 2009 nach Gottenheim lange Jahre im Hegau Pfarrer war, hat es mehr als einmal erlebt, dass konfessionslose Eltern – etwa solche, die aus der früheren DDR zugezogen waren – ihre Kinder zur Erstkommunion anmelden wollten. Das setzt aber die Taufe voraus, die zusammen mit der Kommunion vollzogen werden kann. Manchmal lassen sich sogar die Eltern taufen, finden diese doch erstmals Zugang zum kirchlichen Leben, wenn ihre Kinder mit Religion in Berührung kommen – und wenn es am Anfang erst einmal nur der Martinsumzug ist.

Da Kirche nur als Gemeinschaft lebendig bleibt, will man vor Ort aktiver werden. In der Seelsorgeeinheit Merdingen bekommen neu zugezogene Bürger, die als katholisch gemeldet sind, nicht nur einen Begrüßungsbrief der Seelsorgeeinheit, sondern dieser wird von einem aktiven Mitglied der Pfarrgemeinde vorbeigebracht, um so eine persönliche Begegnung zu ermöglichen. "Die Leute haben ja keinen richtigen Anschluss, da wollen wir ansetzen", erklärt Pfarrer Moosmann. Und in Gottenheim wird gerade an einem Konzept gearbeitet, wie man auch vor längerer Zeit ausgetretene Kirchenmitglieder auf angemessen Weise nochmals ansprechen kann.

Die Bereitschaft, Kinder taufen zu lassen, ist in den drei Seelsorgeeinheiten weiter groß. In Merdingen waren es 33 Taufen (2009: 35), in March 44 (33), in Gottenheim 47 (48). Meistens geschieht dies zur Mitte oder in der zweiten Hälfte des ersten Lebensjahres, manchmal aber auch erst im Kindergarten- oder gar Grundschulalter. Taufgespräche mit den Eltern sind dann nicht selten ein Anknüpfungspunkt, um auch sie stärker für das kirchliche Leben zu interessieren. Und manchmal kommt es so auch zu einem Wiedereintritt von Personen, die Jahre zuvor die Kirche verlassen hatten.

Autor: Manfred Frietsch