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10. August 2012 20:27 Uhr
Bundesinnenministerium
Medaillen-Erwartung veröffentlicht: Überzogene Vorgaben
Die Debatte über das Fördersystem ist eröffnet: Das deutsche Team hat das Medaillenziel bei Olympia klar verfehlt. Das zeigen die vom Bundesinnenministerium erstmals veröffentlichten Zielvereinbarungen.
Das für den Leistungssport zuständige Bundesinnenministerium (BMI) hat sich juristischem und öffentlichem Druck gebeugt und erstmals Teile bisher unter Verschluss gehaltener Unterlagen veröffentlicht. Journalisten des Rechercheteams der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung hatten die Herausgabe der so genannten Zielvereinbarungen eingeklagt, in denen Medaillenziele der derzeit 33 olympischen Sportverbände (Sommer und Winter) und Wege zu den Olympischen Spielen festgeschrieben werden.
Auf Grundlage dieser Zielvereinbarungen, über die seit vier Jahren debattiert wird, werden Fördermittel aus dem BMI verteilt. Das Prozedere legt die Mutter aller Zielvereinbarungen fest, die der Dachverband Deutscher Olympischer Sportbund (DOSB) Ende 2008 mit dem BMI abgeschlossen hat. Das Innenministerium bestimmt die Vorgaben und bleibt Herr des Verfahrens, der DOSB verhandelt direkt mit den Fachverbänden, von denen sich viele über die andauernde Intransparenz beklagt hatten.
DOSB-Generaldirektor Michael Vesper (Bündnis 90/Die Grünen) und Sportminister Hans-Peter Friedrich (CSU) hatten zuletzt mehrfach behauptet, eine Veröffentlichung würde die Interessen Dritter, nämlich die der Verbände, verletzen. Einige Verbände aber hatten keine Probleme damit – und immer mehr Verbände wehrten sich gegen die Bevormundung von DOSB und BMI, schließlich wurden die Medaillenvorgaben weniger im Konsens als vielmehr unter Druck formuliert. Das BMI gab den WAZ-Reportern Daniel Drepper und Niklas Schenck nun lediglich die Medaillenvorgaben sämtlicher Verbände heraus. Die eigentlichen Unterlagen aber, Verträge und etliches mehr, werden weiter unter Verschluss gehalten, obgleich das Verwaltungsgericht Berlin im Juli mit großem öffentlichen Interesse und Dringlichkeit argumentiert und die Veröffentlichung aller Dokument angeordnet hat.
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Demnach haben BMI und DOSB den 26 Sommersportverbänden für London 28 Goldmedaillen aufgetragen – und 86 Plaketten insgesamt. Diese Zielstellung wurde kolossal verfehlt. Bis Freitagabend standen 10 Gold-, 17 Silber- und 11 Bronzemedaillen in der Bilanz. Bei den Winterspielen 2010 in Vancouver gewannen deutsche Athleten 10-mal Gold, 13-mal Silber und 7-mal Bronze – es sollten 17 Olympiasiege und 40 Medaillen insgesamt werden. 17 Siege und 40 Podestplätze sieht auch die Planung für die Winterspiele 2014 in Sotschi vor.
Mehr als die nackten Zahlen gibt der sportpolitische Komplex bisher nicht frei. Die Zusammenhänge, das Vertragswerk dazu, werden weiter verheimlicht. Kurz nach Überstellung der dürren Unterlagen an die WAZ-Journalisten verschickte das BMI eine Pressemitteilung. Der übliche Ablauf, um Rechercheleistungen einzelner zu schmälern. DOSB-Präsident Thomas Bach (FDP), im Hauptberuf Industrielobbyist, behauptet darin, der DOSB hätte die Medaillenziele, gegen deren Veröffentlichung erbittert gekämpft wurde, in der London-Nachlese "ohnehin öffentlich gemacht". Bach dankt dem Minister, der sich, Gipfel der Scheinheiligkeit, "für die berechtigten Interessen des Sports auch vor Gericht eingesetzt" habe.
Darauf abgestimmt lässt Minister Friedrich verbreiten, er habe im Interesse des Sports "die im Rahmen des presserechtlichen Auskunftsverfahrens erbetenen Auskünfte nicht erteilt". Nach Bachs Erklärung sehe er "das Verwaltungsstreitverfahren als erledigt an". Entgegen der Darstellungen etlicher betroffener Verbände gebe es "keinen Automatismus zwischen Medaillen und Zuwendung von öffentlichen Fördermitteln".
Das Bundesinnenministerium hat über Jahre auch Mitgliedern des Sportausschusses des Bundestages Einsicht in derlei wichtige Unterlagen verweigert. Die Koalition von CDU/CSU und FDP hat das Vorgehen des BMI stets gedeckt und Transparenz verhindert.
Einige dieser Koalitionäre verbreiten nun vollmundig, nach den Olympischen Spielen sei eine "Zäsur" der Sportförderung nötig. Wären sie ihrer Verantwortung als Kontrolleure des BMI und der Steuermittel nachgekommen, hätte diese "Zäsur" schon vor Jahren eingeleitet werden können – im Rahmen einer wirklich öffentlichen Debatte, und nicht hinter verschlossenen Türen in sportpolitischen Zirkeln.
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Autor: Jens Weinreich



