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18. Januar 2010

Briefwechsel: Des Bürgers neue Kleider

Von Ruth Gleissner-Bartholdi

  1. Ruth Gleissner-Bartholdi Foto: sigrid umiger

Sag mal, ist es nicht etwas übertrieben, dir mittels brachialer Diät fünf Kilos abzuhungern, nur um beim Nacktscanning auf dem Flughafen eine gute Figur zu machen? Gib doch den armen Sicherheitsleuten die Chance, ihre Pupillen an ein paar Rundungen zu weiden, wenn sie schon nichts Verdächtiges an, in oder bei dir entdecken können. Ohnehin werden die Bedauernswerten alsbald der Nacktheit dermaßen überdrüssig sein, dass sie selber nur noch im Taucheranzug in die Badewanne steigen.

Was die Kritiker an dem neuen Kontrollverfahren auszusetzen haben, begreife ich nicht ganz. Wir dürfen doch unsere textile Verhüllung anbehalten! Und anders als jener Kaiser im Märchen, der in vermeintlich neuen Kleidern nackt vor das feixende Volk spazierte, haben wir es bei der amtlichen Bürgerdurchleuchtung nur mit einem Gerätebediener zu tun, der keine Zeit zum Feixen hat. Im Übrigen ist Nacktheit laut Lexikon "ein Symbol der Reinheit und der Unterwerfung unter die Gottheit". Ersetzen wir Letztere durch Vater Staat, können wir stolz sein. Denn virtuell nackt und rein stehen wir vor dem Prüfer im Finanzamt, der unsere Daten direkt von Arbeitgebern und Banken erhält. Und dann ist da "Elena", jene riesige Sammelstelle, die selbstständig sämtliche Informationen über sämtliche Beschäftigten erfasst, inklusive der Streiktage. Dass die Telefon- und Internetverbindungen auf Vorrat gehamstert werden, dient unserer ganz privaten Sicherheit: Endlich können wir Erbtante Margret beweisen, dass wir sie tatsächlich an ihrem 80. Geburtstag angerufen haben, und so die Enterbung verhindern.

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Bedenklich finde ich an der nationalen Peep-Show nur eines – der Aufwand ist zu groß. Dabei gibt es eine einfachere Lösung: In Japan haben Forscher Goldfische gezüchtet, die völlig durchsichtig sind. Es kann doch nicht schwer sein, den transparenten Menschen zu entwickeln. Dumm nur, dass die Gedanken noch unkontrolliert frei sind. Aber an dem Problem, Laura, wird bestimmt schon gearbeitet.

Autor: glb