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03. Januar 2009

Halters Sprachkritik

DAS LETZTE WORT: Krocha ma eine, Oida

Die "Wörter des Jahres" fallen im deutschen Sprachraum meist so erwartbar, deprimierend und langweilig wie die Nachrichten aus. Deutschland erfand gegen die "Finanzkrise" bekanntlich den Rettungsschirm (Platz 8), die Schweiz, Heimat des Roten Kreuzes und der Bernhardiner, das karitative "Rettungspaket". Liechtenstein rettete sich mit dem erbprinzlichen Satz des Jahres ("Von einer Steueroase zu einer Oase der Stabilität") aus der "Steueraffäre" (Wort des Jahres). In der Schweiz wurde Steinbrücks "Peitschendrohung" ("Wir müssen nicht nur das Zuckerbrot, sondern auch die Peitsche benutzen") zum Satz bzw. Unsatz des Jahres gekürt. Offenbar sind die Jurys mit ihrem Krisenlatein am Ende. "Es reicht" (österreichischer "Unspruch des Jahres"). Nur die Ösis zeigen Originalität und Optimismus: Hier lag "Lebensmensch" knapp vor "Krocha" und "Wachteleierkoalition". Krocha ist auf der linguistischen "Gammelfleischparty" (deutsches Jugendwort 2008) der Kracher. Der von DJ Stee Wee Bee geprägte Begriff bezeichnet eine neue Wiener Jugendbewegung, die sich durch Vokuhila-Frisuren, Jumpstyle-Musik und Redensarten wie "Krocha ma eine, Oida" (Krachen wir hinein, Alter, im weiteren Sinne: Spaß haben), "Pock i ned" (Kapier ich nicht) und "Fix" (super) auszeichnet. Schon Thomas Bernhard nannte seine verstorbene Tante Hedwig seinen "Lebensmenschen"; bekannt machte das Wort aber erst Stefan Petzner, der trauernde Hinterbliebene und selbsternannte Erbe Jörg Haiders. Anders als die echt deutsche "Lebensleistung" (die Kurt Beck sogar Genosse Clement und Simone ihrem alten Hitler-Jungen Jopie Heesters zubilligte), ist der L. ein zweideutig zwischen Zuckerguss und Peitsche schillernder Begriff. Mitten im Leben ist der Mensch, zumal der Wiener Krocha, vom Tod umfangen; aber er bleibt trotz Finanzkrise Lebemann und Lebensmensch. Sehr charmant auch das österreichische Unwort No.3 "Kulturdelikt" (politisch korrekt für Ehrenmord). Die langsamen Schweizer entdeckten in derselben Disziplin gerade den "Raser". Für die Wahl des deutschen Unworts werden derzeit Leerverkäufe, Bankster und Ackermann als Favoriten gehandelt. Selbst das schönste deutsche Wort 2008 ("Tollpatsch") klingt hässlicher als alle Unwörter Italiens: rifuti (Müll), recessione und fallimento (Pleite).

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Autor: Martin Halter