"Die 68er waren nicht links"

Das Gespräch führte

Von Das Gespräch führte

So, 08. April 2018

Kultur

Der Sonntag Interview mit dem Journalisten und Buchautor Jürgen Busche zur Studentenbewegung.

Der Machtwechsel von 1998, als in Bonn ein rot-grünes Regierungsbündnis die christdemokratisch-liberale Koalition ablöste, inspirierte den Publizisten Jürgen Busche zu einem Buch über die 68er. Im Interview behauptet der ehemalige Chefredakteur der Badischen Zeitung , der Hedonismus habe Schröder und Co. mehr geprägt als politische Ideale.

Der Sonntag: Sie sind Jahrgang 1944 und haben zwischen 1967 und 1971 studiert. Wie haben Sie die 68er-Bewegung erlebt, Herr Busche?

Ich empfand diese wie viele andere als eine Zeit der Aufsässigkeit. Es gab vieles, was uns an den sogenannten Autoritäten geärgert hat, und wir waren nicht mehr bereit, uns dem anzupassen. Es herrschte damals ein besonderes Lebensgefühl des Optimismus, die Zukunft versprach Erfolg, wer Abitur hatte, dem stand die Welt offen. Zugleich aber winkte nach dem Studium ein Leben ohne Risiko, wenn man als Anwalt oder Lehrer an den Ort der Herkunft zurückging. Es gab somit auch eine breite Auflehnung gegen ein Leben der Langeweile, das in die 68er Bewegung hineinschwingt.
Der Sonntag: Was hat Sie motiviert, knapp vier Jahrzehnte später ein kritisches Buch über die 68er-Generation zu schreiben?

Die Widersprüchlichkeit, die sich darin zeigte, wie die erste rot-grüne Bundesregierung ab 1998 mit ehemaligen 68ern am Kabinettstisch und in den Fraktionen für einen bis dahin in der bundesrepublikanischen Geschichte nicht gekannten Rechtsruck sorgte. Die Schröder/Fischer-Regierung schickte deutsche Soldaten in den Krieg und betrieb einen Sozialabbau im großen Stil. Das entsprach nicht den einstigen Idealen. Allerdings hat diese rot-grüne Regierung im gesellschaftlichen Bereich Reformgesetze im Sinne der eigenen Liberalität – wie die zur gleichgeschlechtlichen Ehe – durchgebracht.
Der Sonntag: Sie beschreiben die 68er als eine Generation der "Söhne", die vom Wirtschaftswunder der 50er Jahre geprägt worden war und die sich auflehnte gegen die "Väter", die im Dritten Reich Täter und Mitläufer waren, aber auch gegen die "älteren Brüder", die bereit waren, sich mit den bundesrepublikanischen Realitäten zu arrangieren.

Die 68er-Generation war in ihrer Gesamtheit viel unpolitischer, als man heute annimmt. Sie war auch nicht politisch links. Links waren ihre Stichwortgeber, die allerdings keine 68er waren: Adorno, Bloch, Mitscherlich oder Lukács. Die Linke, aus der sich die SPD mit ihrem Godesberger Programm weitgehend verabschiedet hatte, hat die Studentenbewegung maßgeblich beeinflusst. Dies führte wie bei ähnlichen Jugendbewegungen in den USA, Frankreich oder Italien zu Protesten gegen Kolonialismus und Vietnam-Krieg.
Der Sonntag: Die Begeisterung für sozialistische Theorien war den 68ern nicht wesentlich?

Eindeutig nicht. Die Mehrheit der 68er hatte mit der DDR und den sozialistischen Staaten nichts im Sinn. Die sogenannten K-Gruppen, die sich in den 70er Jahren aus der 68er-Bewegung herausschälten, waren Splittergruppen. Das, was man unter den 68ern verstehen kann, war pluralistisch aus vielen Richtungen beeinflusst. Nicht nur von Marx und linken Theorien, sondern auch von der Psychoanalyse, von Autoren wie Proust und Joyce, von den Beatles. Prägend für sie waren große Erwartungen an die Zukunft sowie die Sorge, sie könnten enttäuscht werden. Sie erlebten, dass in der Politik und in der Kirche nicht Gold ist, was glänzt, dass in den Familien, bei den Pfadfindern oder in den Sportvereinen autoritäre Werte vertreten wurden. Sie hatten das Gefühl, in der Schule wurde ihnen die moderne und die wichtige Literatur der 20er Jahre vorenthalten. Deshalb habe ich sie als Antiquariatsgänger beschrieben. Sie waren neugierig und wollten nicht zuletzt die Universität, die ihre "älteren Brüder" hinnahmen, wie sie war, verändern.
Der Sonntag: In Ihrem Buch arbeiten Sie einen für Sie fundamentalen politischen Wahrnehmungsfehler der 68er heraus. Diese, so Ihre These, hielten die junge Bundesrepublik im Verhältnis zum Dritten Reich für restaurativ. Sie aber behaupteten, der Adenauer-Staat sei revolutionär gewesen, der mit der Vergangenheit radikal gebrochen und die Bundesrepublik an die Werte des Westens angeschlossen hätte.

1968 war die Bundesrepublik ein Teil des Westens und dies stellte so einen gewaltigen historischen Bruch dar, denn über einen langen historischen Abschnitt hatten es Österreich und Preußen anders gehalten. Mehr noch: Adenauer und die 68er hatten ein gemeinsames Ziel. Sie wollten die Väter-Generation, die sich im Dritten Reich politisch und moralisch kompromittiert hatte, in der Bundesrepublik nicht zum Zug und an die Macht kommen lassen. Aber die 68er sahen in einem CDU-Politiker wie Rainer Barzel nicht nur eine verächtliche Witzfigur, ihnen stand bei Demonstrationen vor allem in Berlin eine Polizei gegenüber, in der sie Figuren des Dritten Reichs erblickten. Deshalb wurden sie politisch erst glücklich unter einem Bundeskanzler Willy Brandt, der mit der Ostpolitik verwirklichte, was ihren Vorstellungen entsprach.
Der Sonntag: Den 68ern wird ein gewaltiger gesellschaftlicher Einfluss attestiert. Wie ist angesichts dessen zu erklären, dass sie es erst 1998 an die Macht schafften und durch eine derart lange Kohl-Ära blockiert werden konnten?

Die CDU hatte als Volkspartei etwas in der Tasche, das dies sehr begünstigte: Man kann für jeden etwas sein, wenn man keine Programmpartei ist. Dann gab es in der CDU der Kohl-Ära Figuren wie Heiner Geißler oder Norbert Blüm, die Werte verkörperten, die viele 68er teilen konnten. Dies bremste den Oppositionsgeist. Die herbe Enttäuschung für die 68er war der SPD-Bundeskanzler Helmut Schmidt. Mit ihm kam ein neuer Ton in die Politik, viel war damals von Effizienz und Sicherheit die Rede. Im Rücktritt des Entwicklungshilfeministers Erhard Eppler sehe ich ein einschneidendes Ereignis der Schmidt-Regierung. Für Schmidt war nicht nur Entwicklungshilfe unwichtig. 68er, die unter Brandt in die SPD eingetreten waren, kehrten den Sozialdemokraten den Rücken zu, sogar die eigene Partei ließ Schmidt im Stich. Auch dies führte zur Etablierung der Grünen.
Der Sonntag: Und 1989 irritierte die 68er plötzlich auch Willy Brandt.

Als die Mauer fiel, zeigte es sich, dass Brandt doch nationaler eingestellt war, als die 68er vermuteten. Ich habe am 9. November 1989 im Bundestag erlebt, wie spontan alle Fraktionen die Nationalhymne anstimmten. Nur die Grünen waren sprachlos. Die Geschichte hatte sie überrollt, sie wussten nicht, was nun zu tun war. Fast folgerichtig fielen sie bei der nächsten Bundestagswahl aus dem Parlament.
Der Sonntag: Acht Jahre später kamen die Grünen doch an der Regierung. Die Welt hatte sich mittlerweile stark verändert. Sind Sie nicht zu hart, wenn Sie ihnen einen Rechtsruck vorwerfen, weil sie sich aus humanitären Erwägungen an militärischen Aktionen zum Schutz der Kosovo-Albaner beteiligen?

Gegenfrage: Was wäre in einer Stadt wie Freiburg losgewesen, wäre dies unter einem Bundeskanzler Kohl passiert? Aber für mich ist entscheidender gewesen zu zeigen, wie sehr den an die Macht gekommenen 68ern die sozialpolitische Empathie fehlte. Die rot-grüne Regierung von 1998 hat für eine Sozialpolitik gesorgt, unter der die SPD heute noch leidet, die aber in Wirtschaftskreisen die Sektkorken knallen ließ. Auf der einen Seite Sozialabbau, auf der anderen Steuersenkungen. Der Hedonismus überwog bei Schröder, Lafontaine und Scharping. Dies zeigt sich schon in ihrem Auftreten und Lebenswandel.
Der Sonntag: Was bleibt vom Mythos der 68er?

Wir haben es tatsächlich mit einem Mythos zu tun. Aber es bleibt gar nicht so wenig. Die 68er haben viel dazu beigetragen, dass die Deutschen ein westliches Lebensgefühl empfinden, dass sie sich in vielen Ländern so wohlfühlen wie zu Hause. Die 68er haben den Blick auf das Ganze der deutschen Geschichte zurückgebracht, denn es war charakteristisch für die Adenauer-Zeit, dass man einige dunkle Jahre am liebsten ausgeblendet hätte. Den 68ern ist zu verdanken, dass sich die Deutschen innerlich befreien konnten, weil sie nichts mehr zu verbergen hatten.

Das Gespräch führte Toni Nachbar