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05. Juli 2012

UNTERM STRICH: Ein Nein zerstört die Harmonie

Wie Chinesen sich davor hüten, ihr Gegenüber durch offene Ablehnung zu brüskieren / Von Bernhard Bartsch.

Ich bin mal wieder drauf reingefallen. Im Winter hatte ich bei Chinas Tischtennis-Nationalteam angefragt, ob ich den Spielern für eine Reportage einen Tag lang bei den Olympiavorbereitungen zuschauen dürfe. "Im Moment sind wir sehr beschäftigt, aber rufen Sie nächste Woche noch einmal an", sagte ein freundlicher Assistent. Am folgenden Montag bat er um ein Fax, eine Woche drauf um eine E-Mail, dann wieder um einen Anruf. Ein halbes Jahr ging das so, und zuletzt mussten wir beide am Telefon lachen. "Das Interview wird doch nie stattfinden", meinte ich. "Vielleicht", antwortete er.

"Vielleicht" ist ein klassisches chinesisches Nein: eine Ablehnung, die ohne Negation auskommt. Ein direktes Nein hört man in China selten, es gilt als vulgär und gefährlich. Harmonie ist das Ziel, ein offenes Nein kann dieses zerstören.

Während sich die Chinesen in ihrer seit Jahrtausenden kultivierten negationsarmen Welt bestens zurechtfinden, verlieren Ausländer darin schnell die Orientierung. Das "Nein" ist der Stoff, aus dem kulturelle Missverständnisse gemacht sind: Ein deutsches Nein sitzt fest wie ein Nagel, ein chinesisches ist dehnbar wie ein Gummiband. Beides hat seine Vor- und Nachteile: Auf den Halt eines Nagels ist Verlass, aber er bleibt auch dann fest an seinem Platz, wenn man merkt, dass er an der falschen Stelle sitzt. Ihn herauszuziehen und neu einzuschlagen, ist mühsam und hinterlässt ein hässliches Loch. Das Gummiband dagegen ist elastisch und ermöglicht Anpassungen. Daran ziehen kann allerdings jeder.

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Auch die Chinesen sind sich dieser Gefahr bewusst. Der Ratgeber "Die Theorie des Untergebenen – Wie man seinem Chef dient" widmet ein ganzes Kapitel der Frage: "Wie man falschen Meinungen eines Vorgesetzten widerspricht". Ein offenes Nein müsse vermieden werden. Stattdessen solle man den Vorgesetzten behutsam zur erwünschten Meinung steuern. "Versichere deinem Chef zuerst, dass er recht hat, und ergänze dann unauffällig deine eigenen Punkte", lautet ein Ratschlag. "Man muss dem Chef immer Spielraum lassen, egal wie falsch seine Meinung auch ist." Niemals dürfe man die Autorität des Vorgesetzten in Frage stellen: "Der Chef ist immer der Chef."

Zugegeben: Derlei findet sich auch in europäischen Karriereratgebern. Unsere westliche Kultur des offenen Disputs ist in der Theorie schließlich einfacher als in der Praxis. Von den Chinesen zu lernen ist da verführerisch. Ein klares Nein schließt Türen, durch die man womöglich später doch noch einmal gehen will. Mit meinem Freund vom chinesischen Pingpong-Team habe ich jedenfalls vereinbart, dass ich mich vor den nächsten Olympischen Spielen wieder melden werde.

Autor: bbar