UNTERM STRICH: Mit Goethe in die Krise

Stefan Hupka

Von Stefan Hupka

Fr, 02. Februar 2018

Kolumnen (Sonstige)

Wie Manfred Rommel den Berliner Gedichtstreit lösen würde / Von Stefan Hupka.

Gibt ein Dichter sich als Mann zu erkennen, muss man ihn mit dem Pinsel bekämpfen. So denkt eine Gruppe um die Frauenbeauftragte der Berliner Alice-Salomon-Hochschule, über die inzwischen die halbe Republik lacht. Die Gruppe hat, wie berichtet, im Asta durchgesetzt, dass ein preisgekröntes Gedicht von Eugen Gomringer auf der Außenmauer der Anstalt nun übermalt wird. Darin geht es um Alleen, Blumen, Frauen – und um einen Bewunderer. Einige Studentinnen fühlen sich davon sexistisch belästigt, weil sie, wenn wir das richtig verstanden haben, allein bestimmen wollen, wer sie bewundern darf und wer nicht. Soweit hätte es vielleicht gar nicht kommen müssen. Wenn statt Bewunderer Bewunderin da stünde, dann wäre alles gut, sagte die Frauenbeauftragte jetzt dem Spiegel, dann gäbe es "kein Machtgefälle mehr". Aber dürfte man ein 1951 arglos verfasstes Gedicht um des lieben Geschlechterfriedens willen heute einfach umdichten?

Warum nicht, sagt kein Geringerer als Manfred Rommel (1928–2013), und wie man das macht, demonstrierte der CDU-Politiker bereits 1988. "Eine Entmännlichung der Sprache tut not", gestand der OB von Stuttgart, müde der schon damals langen Gleichberechtigungsdebatten im Rathaus. "Denn in der Sprache herrschen Wörter männlichen Geschlechts vor, auch dort, wo dies gar nicht notwendig wäre." Am schlimmsten, so Rommel, treibe es der Macho Goethe. Dessen Gedicht "Über allen Gipfeln ist Ruh" enthält, hat er gezählt, fünf männliche Hauptwörter: der Gipfel, der Wipfel, der Hauch, der Vogel, der Wald, aber nur ein weibliches, die Ruhe. "Es geht auch anders. Ich habe dieses Gedicht umgedichtet mit der Folge, dass es ein männliches und sechs weibliche Hauptwörter enthält: Über allen Spitzen ist Ruh’/bei aller Hitzen spürest du/kaum eine Brise;/die Tauben schweigen im Walde/warte nur, balde/kommst auch du in die Krise." Bitte, es geht doch, Frauenbeauftragte. Fand auch Rommel: Er wolle sich nicht selber bewundern, "aber meine Fassung liest sich besser".