UNTERM STRICH: Schlichttiere und Prachtmännchen

Patrik Müller

Von Patrik Müller

Do, 07. Dezember 2017

Kolumnen (Sonstige)

Im Basler Zoo verschwimmen Geschlechtergrenzen / Von Patrik Müller.

Die Kollegin warnt. Das Thema sei sensibel, sagt sie, da müsse man mit Fingerspitzengefühl ran. Dabei geht es eigentlich nur um Fische. Doch es geht eben auch um Fische, die ihr Geschlecht ändern, die sich von Schlichttieren in Prachtmännchen verwandeln. Man müsse sich da vor Klischees hüten, sagt die Kollegin.

Im Basler Zoo schwimmen Meerjunker durch Aquarium Nummer 11, eine Lippfischart, die in Mittelmeer und Atlantik heimisch ist. Die gibt es in drei Erscheinungsformen: Es gibt sogenannte Schlichttiere, die klein sind, überwiegend braun gefärbt und zumeist weiblich. Es gibt Übergangsformen, die etwas größer sind. Und es gibt Prachtmännchen.

Die sind "deutlich größer als ihre schlichten Geschlechtsgenossen, bilden Reviere und halten sich Harems", teilt der Zoo stolz mit. "Sie sind auffällig gefärbt und benehmen sich fast schon protzig-aggressiv: Besitzergreifend und beherrschend umkreisen sie ihre Weibchen und vertreiben jedes andere Prachtstier."

Vielleicht, überlegt die Kollegin, wäre der ideale Autor für diesen Text eine Frau.

Meerjunker sind spannende Tiere. Jedes Prachtmännchen war früher mal ein Schlichttier-Weibchen; Geschlechtsumwandlung ist bei Fischen oder Amphibien gar nicht mal so selten. Im Basler Zoo sind momentan drei Weibchen damit beschäftigt, zum Männchen zu werden.

Das hat einen Grund: Das amtierende Prachtmännchen – der Harems-Chef, wie der Zoo ihn nennt – wird alt. "Fehlt das dominante und aggressive Auftreten, wandeln sich die größten Weibchen zum Männchen um. Seine Alters-Sanftmut ließ nun offenbar gleich drei Weibchen diesen Schritt wagen." Bei den Menschen, sagt die Kollegin, würden die Männer im Alter ja oft eher starrsinnig werden. Die Meerjunker seien da ein positives Beispiel.

Doch vielleicht sollte man Fische einfach Fische sein lassen.