UNTERM STRICH: Tick, tick, tick

Sonja Zellmann

Von Sonja Zellmann

Mo, 16. April 2018

Kolumnen (Sonstige)

Warum Nachtmenschen eines besonderen Schutzes bedürfen / Von Sonja Zellmann.

Der frühe Vogel fängt den Wurm – den späten schnappt sich Gevatter Tod. Klingt gruselig? Ist aber so. Zumindest geht es in die Richtung, wie Wissenschaftler aus Großbritannien und den USA jetzt herausgefunden haben. Sie haben 430 000 Menschen zwischen 38 und 73 Jahren sechseinhalb Jahre lang beobachtet. Die Studienteilnehmer teilten sich selbst Gruppen zu wie "definitiv ein Morgenmensch" oder "definitiv ein Abendmensch". Auch Dinge wie ihr Gewicht und ihr Tabakkonsum wurden untersucht. Insgesamt starben im Studienzeitraum 10 500 der Teilnehmer, und – jetzt kommt’s – in der Gruppe der Nachteulen ganze zehn Prozent mehr als in der der Frühaufsteher. Gründe dafür legen die weiteren Studienergebnisse nahe: Demnach haben Nachtaktive eher psychische Probleme und Diabetes, sie rauchen mehr, trinken mehr und nehmen mehr illegale Drogen als die frühen Vögel. Und all das, weil sie ständig gegen ihre innere Uhr leben, die, so die Forscher, genetisch bedingt sei und keinesfalls "eine Charakterschwäche"(!). Zum Beispiel müssen Nachtmenschen aufgrund der gängigen Arbeitszeiten meist viel zu früh aufstehen – und schlafen so viel zu wenig. Die Wissenschaftler fordern daher einen anderen, auf ihre Körperuhr abgestimmten Umgang mit den so Getakteten, beispielsweise auf dem Arbeitsmarkt.

Da eröffnen sich ganz neue Geschäftsfelder: Für Ärzte und Psychologen, die Nachtaktiven zertifizieren könnten, wie sie ticken, und dass sie inkompatibel mit Frühschichten sind. Vielleicht wäre sogar ein Nachteulenschutzgesetz drin? Volkshochschulen könnten Innere-Uhr-Achtsamkeitskurse anbieten, der Einzelhandel die Öffnungszeiten noch weiter nach hinten verschieben. Alles zum Wohle der Gesundheit.

Bis es aber so weit ist, müssen sich Nachtmenschen einfach damit trösten, dass sie, sollten sie tatsächlich früher sterben, aufgrund ihres Schlafmangels sicher genau so viel erlebt haben wie Morgenmenschen. Wenn nicht noch mehr.