Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

10. Juli 2012

UNTERM STRICH: Weinschatz unter der Eiche

Wie die Natur das Geheimnis des Lucien Ottenwaelder lüftete / Von Bärbel Nückles.

Gewitter befördern manchmal Unerwartetes zutage. Keller werden überflutet, Kühe waten durch knietiefes Wasser, und Kinder fahren mit dem Schlauchboot zur Schule. Im Garten der Familie Ottenwaelder riss der Sturm mit Gewalt eine alte Eiche aus dem Boden. Und siehe da, was die Familie aus den Erdfurchen barg, war zwar kein Münzschatz. Ein Schatz aber war es irgendwie schon. Dutzende alte Weinflaschen, von Erde überkrustet, lagen in einem riesigen Erdkrater.

Das Haus der Ottenwaelders liegt in Châtenois im Elsass, zu Füßen der Hohkönigsburg. Vergraben hat den Schatz der Großvater, Lucien Ottenwaelder. Als während der Befreiungskämpfe Ende des Zweiten Weltkrieges die Schlacht um Sélestat tobte, ging es Ottenwaelder nach der Familienlegende so wie vielen anderen damals, die evakuiert werden sollten und vorher ihr Tafelsilber in Sicherheit zu bringen trachteten.

Lucien Ottenwaelder wollte nicht, dass sich deutsche Soldaten womöglich an seinen edlen Tropfen erquicken. Bevor er mit Frau und Kindern ins Nachbardorf, nach Scherwiller, ausquartiert wurde, grub er also ein tiefes Loch im Garten und stapelte Weißwein auf Champagner und auf Burgunder.

Werbung


Warum ihr Großvater seine Flaschen nach der Rückkehr nicht ausgegraben hat, das vermag auch seine Enkelin, Lucienne David, nicht zu erklären: "Das ist ein Teil des Geheimnisses: Keiner weiß es, aber alle kannten die Geschichte mit den Flaschen." 40 Jahre später machte sich sein Sohn auf die Suche und grub vergeblich Löcher im Garten. Fünf Meter sei er von der Fundstelle entfernt gewesen, sagt Lucienne. Was Kinder und Kindeskinder nicht vermochten, gelang der Natur. Dabei zerstörte sie etliche Flaschen. Acht Flaschen aus dem burgundischen Beaune überlebten ihre Wiedergeburt. Das Etikett kompostiert, die Korken unversehrt. Wer sich auskennt, weiß: Tief unter der Erde haben die Flaschen 68 Jahre lang fern von Licht und Luft in einem geradezu idealen Weinkeller ausgeharrt.

Autor: bnü