Auch gut gemeint kann problematisch sein

WIR MÜSSEN REDEN: Von Wortfindung in schwierigem Gelände

Thomas Hauser

Von Thomas Hauser

Mo, 18. Juni 2018

Kolumnen (Sonstige)

D as Bemühen um politisch-korrekte Sprache dient nicht selten auch dazu, das eigene schlechte Gewissen zu beruhigen. Denn Vorurteile oder Diskriminierungen verschwinden nicht, wenn man sie anders benennt. Und die, die sie pflegen, fühlen sich nicht selten erst recht herausgefordert: Man wird das doch noch sagen dürfen. Die Diskriminierung der Afroamerikaner in den USA ist da nur ein besonders eindrückliches Beispiel.

Bevor nun den ersten die Zornesader schwillt: Dies soll kein Plädoyer für einen gedankenlosen Umgang mit Wörtern sein. Es soll nur meine eigene Zurückhaltung in solchen Fragen verdeutlichen. Das führt uns zu einer Leserfrage, an der dieses Dilemma ganz gut diskutiert werden kann. Wobei ich, um auch das gleich zu klären, dem Leser keine unredlichen Absichten unterstelle. Ich, so schreibt er, stolpere immer wieder über die in der BZ benutzten Wörter "Flüchtlinge" und "Geflüchtete", besonders in der Berichterstattung über Kriminaldelikte. "Denn ich möchte nicht wahrhaben, dass Verfolgte in dem Land, in das sie geflohen sind und um Asyl bitten, Straftaten begehen."

Hier betreten wir aus vielerlei Gründen ein schwieriges Gelände. Nicht nur deshalb, weil sich der rechte politische Rand darin gefällt, diese Personengruppe mit Begriffen wie "Asylbehaupter" pauschal zu diskriminieren. Sondern weil in der Tat vor Abschluss des Verfahrens kaum einigermaßen verlässlich bestimmt werden kann, welche Nöte und Motive den- oder diejenige veranlasst haben, das Heimatland zu verlassen und nach Deutschland zu kommen. Deshalb kann jeder Begriff, ob Zuwanderer, Migrant oder Ankömmling, wie der Leser anregt, entweder falsch, missverständlich oder gar für Diskriminierung anfällig sein, wie zum Beispiel der mutmaßliche Flüchtling.

Zwei weitere Anmerkungen helfen vielleicht, uns einer Lösung anzunähern. Flüchtlinge oder wie immer man sie nennen will, sind Menschen wie alle anderen auch. Sie sind also weder bessere noch schlechtere Menschen. Und sie sind Menschen im Ausnahmezustand. Warum sollten solche Menschen weniger gefährdet sein als Einheimische, Straftaten zu begehen? Die zweite Anmerkung ist aber entscheidender. Vielleicht ist es falsch, den Begriff Flüchtling nur auf Flucht vor Krieg oder Verfolgung einzuengen. Man kann, das zeigt auch der Blick in die Geschichte dieses Landes, auch vor Not, Hunger oder Aussichtslosigkeit fliehen. Und das Streben nach Glück hat in den USA sogar Verfassungsrang.

So gesehen ist ein Flüchtling zunächst eine wertfreie Bezeichnung. Erst die Betrachtung der Fluchtgründe erlaubt dann die Entscheidung, ob diese nach Recht und Gesetz in Deutschland hinreichend sind und wir der Antragstellerin oder dem Antragssteller ein Bleiberecht gewähren können.

Bleiben wir deshalb, so meine Anregung, beim gewohnten Sprachgebrauch. Der signalisiert auch eine gewisse Gelassenheit im Umgang mit dieser Herausforderung. Flüchtlinge, das zeigt die Erfahrung, sind in ihrer Mehrzahl keine Migranten. Sie wollen in ihr Heimatland zurück, wenn die Umstände dort es erlauben. Das Beharren auf diesem Begriff erhöht damit auch den Druck auf die politisch Verantwortlichen, die Fluchtursachen zu bekämpfen, nicht die Geflüchteten. Zumindest aber, nicht immer neue Fluchtursachen zu schaffen.